|
Meinung
Gewalt in Videospielen: Politik, Ideologie und RealitätKaum jemandem dürften in diesen Wochen die tragischen Meldungen aus Deutschland und den USA entgangen sein, wo nach Amokläufen viele Todesopfer zu beklagen waren. Diese Ereignisse sind höchst bedauernswert und es besteht sicherlich kein Zweifel darüber, dass sie unser aller Mitgefühl und unsere Anteilnahme verdienen. Als Humanist und Liebhaber von Actiongames kommt einem jedoch bei Artikeln wie diesem und diesem im Tagi, ebenfalls letzte Woche erschienen, erst recht die Galle hoch: Kaum sind die Schüsse verhallt und die Opfer gezählt, werden "Killergames"-Verbote gefordert und die vermeintlichen Verursacher solcher Gewaltexzesse an die Wand genagelt. Bloss - gibt es tatsächlich Hinweise darauf, dass ein Zusammenhang zwischen "Killergames" und Amokläufen oder anderen Gewalttaten besteht? Was meint die Wissenschaft?Vor kurzem erst wurde eine neue Metastudie zum Thema "Gewalt und Videospiele" verfasst, in der viele dieser Studien wissenschaftlich ausgewertet wurden. Dabei stellte sich heraus, dass kein signifikanter Zusammenhang zwischen Mediengewalt und Aggression besteht. Videospiele führen nicht zu Amokläufen (vgl. auch Tages-Anzeiger vom Februar 09). Mit anderen Worten, es gibt aktuell keine Studien, die einen kausalen Zusammenhang zwischen langfristigem aggressivem Verhalten und dem Konsum von Videospielen herstellen können. Es gibt aber Studien, nach denen die Gewaltbereitschaft unter Gamern kleiner ist als unter Leuten, die keine Videospiele konsumieren. Gleichzeitig gibt es viele Studien, die die positive Wirkung von Videospielen belegen, beispielsweise im Bezug auf soziales Verhalten bei Online-Spielen, oder im Bezug auf Intelligenz und Hand-Augen-Koordination bei Strategie- und "Ballerspielen." Ebenfalls nachgewiesen sind die Verbesserung von räumlichem Vorstellungsverögen und Reaktionsfähigkeit (Gamer eignen sich scheinbar besser als echte Piloten für das Fernsteuern von Dronen, wie die Royal Airforce kürzlich herausgefunden hat. Ob dies nun eine sinnvolle Anwendung von Gamerfähigkeiten darstellt, sei aber an dieser Stelle mal mit einem Fragezeichen versehen). Wir wissen nicht, was die Auslöser für eine hohe Gewaltbereitschaft sind. Vielleicht finden sie sich im sozialen Umfeld, in der Erziehung, in den Genen. Eine objektive, realitätsbasierte Betrachtung der Fakten führt aber zum Schluss, dass die Auslöser nicht bei den Videospielen zu finden sind. Denkt denn niemand an die Kinder?Gewalt ist ein normaler Teil der kindlichen Entwicklung. Wer hat früher schon nicht Räuber und Poli gespielt oder an teilweise recht ausufernden Schneeballschlachten teilgenommen? Die oft extrem brutalen Szenen aus Erich Kästner's Kinderbüchern (die blutige Gewalt mitunter sogar positiv darstellen) haben nichts mit Videospielen zu tun; Gewalt war schon lange vor der Zeit der Konsolen und Computer ein normaler Teil der Welt der Kinder. Trotzdem sind wir der Meinung, dass die Altersbeschränkungen bei Videospielen selbstverständlich berechtigt sind und durchgesetzt werden müssen. Denn Videospiele sind nicht Kinderspiele. Gamer sind im Durchschnitt älter und aktiver als man gemäss Medienberichten erwarten würde. Die meisten Videospiele haben nicht Kinder als Zielpublikum. Damit sollte ihr Inhalt nicht mit dem Inhalt von Kinderspielen, sondern mit dem Inhalt von an Erwachsene gerichtete Unterhaltung verglichen werden - und viele Hollywood-Filme sind weit brutaler als ein durchschnittlicher Shooter. Zahlen aus der RealitätFast jeder männliche Jugendliche spielt "Killerspiele", oder hat in der Vergangenheit solche "konsumiert". Darauf folgt logisch, dass so gut wie jeder männlichen Amokläufer solche Spiele gespielt hat. Logisch gesehen kann also keine Kausalität zwischen Killerspielen und Amokläufern hergestellt werden. Analog dazu: Jeder Amokläufer hat vor seiner Tat Wasser getrunken. Das bedeutet nicht, dass das Wasser für die Tat verantwortlich gemacht werden kann, weil jeder Mensch - nicht nur Amokläufer - Wasser trinken und daher a priori klar ist, dass ein Amokläufer vor seiner Tat Wasser getrunken hat. Oder umgekehrt: Bei allen jugendlichen die sich ein Bein brechen findet man zu Hause Videogames. Das bedeutet nicht dass Videogames für die Beinbrüche verantwortlich sind, sondern lediglich dass alle Jugendliche Videogames zu Hause haben - auch die, die sich kein Bein brechen. Es besteht keine Korrelation zwischen Videogames und Beinbruch, genau so wenig wie zwischen Videogames und Amoklauf oder Wasser und Amoklauf. Mehr ZahlenEs werden immer mehr gewalttätige Videospiele konsumiert, aber die Zahlen der gewalttätigen Verbrechen von Jugendlichen korrelieren nicht mit dem Konsum von gewalttätigen Videospielen. Natürlich beweist das nicht, dass gewalttätige Videospiele keine solchen Verbrechen auslösen, es zeigt aber, dass der Einfluss dieser Spiele - falls er besteht - höchstens extrem schwach sein kann. Hypothetisch...Aber ignorieren wir für einen Moment die Zahlen, die Fakten, die Studien und die Realität. Nehmen wir an, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen extrem gewalttätigem Verhalten und Videospielen besteht. Da die Zahl der Amokläufer extrem klein ist, würde diese Kausalität im schlimmsten Fall nur schwach sein. Damit stellt sich die Frage, ob man das Hobby von Millionen von Jugendlichen und Erwachsenen verbieten darf, weil ein minimer Prozentsatz dieser Jugendlichen durch das Hobby zu Schaden kommt. Eine Analogie dazu wäre beispielsweise der Wintersport: Jährlich gibt es in der Schweiz 35000 Verletzte aufgrund von Schneesportunfällen. Viele Menschen erleiden durch Fremdverschulden grässliche Verletzungen. LKM leidet ohne Selbstverschulden an einer schmerzhaften bleibenden Verletzung der rechten Kniescheibe, weil ein Wintersportler ihn in einen Unfall verwickelt hat. Jeder kennt Leute mit bleibenden Schäden aufgrund von Wintersportverletzungen, oder Leute, die durch solches Fremdverhalten gestorben sind. Soll man den Wintersport verbieten, weil er derart viel Leid verursacht? Wenn nein, weshalb soll man ein Hobby verbieten, welches vermutlich keine negativen Einflüsse hat (und in diversen Studien kein solcher nachgewiesen werden konnte), und sogar bei der schlechtmöglichsten Annahme - nämlich dass negative Einflüsse bestehen - im realen Leben kaum je zu negativen Folgen führt? FazitIm Bezug auf die Konsumenten und die Wirkung von Videospielen besteht wenig Zweifel. Die Statistiken sind bekannt, die Studien durchgeführt. Videospiele sind heutzutage nicht mehr "Kinderspiele", sondern weit verbreitete und sozial akzeptierte Unterhaltung für Erwachsene (hier gilt es anzumerken, dass bekanntlicherweise Altersbeschärnkungen für gewisse Spieletitel bestehen, und wir der Meinung sind, dass diese auch durchgesetzt werden müssen. Spiele wie GTA 4 oder Far Cry 2 sind für Erwachsene konzipiert und gehören nicht in die Hände von Kindern und Jugendlichen). Der Konsum von Videospielen führt nicht zu gewalttätigem Verhalten in der "echten" Welt. Nicht nur kann kein kausaler Zusammenhang bewiesen werden, die aktuell erhältlichen Daten zeigen auf, dass so ein Zusammenhang mit grösster Wahrscheinlichkeit nicht besteht. Damit stellt sich die Frage, weshalb das Thema ständig wieder in den Medien aufkommt und regelmässig von Politikern aufgeworfen wird. Professor Christopher J. Ferguson von der Texas A&M University (Doktor in klinischer Psychologie und Autor von verschiedenen Fachartikeln und Büchern zum Thema der Kriminalität) meint:
Mit anderen Worten, die Daten und Fakten werden absichtlich ignoriert, um andere Menschen von dem eigenen, subjektiven moralischen Standpunkt zu überzeugen. Viele Leute finden diese Spiele verwerflich und versuchen, diese Überzeugung zu rationalisieren. Deshalb werden Behauptungen über diese Videospiele gemacht, die keinerlei Zusammenhang mit der Realität haben. Dieses Verhalten ist nicht nur unmoralisch, sondern gefährlich, weil es von den eigentlichen, reellen Ursachen für Gewalt ablenkt. Wir denken, wir dürfen von unseren Politikern und Journalisten in diesem Bereich durchaus etwas weniger Ideologie und dafür etwas mehr Realitätsbasiertheit verlangen. Lasst uns in unserer Kommentarsektion wissen war Ihr darüber denkt. Du kannst Die Redaktion, den Autor dieses Beitrags, über seine Kontakt-Seite erreichen.
» Kommentar verfassen
8 Kommentare
|
TESTBERICHTE DeathSpank (PS3, Xbox 360)Grokion 01: Inception (iPhone)Pix'n Love Rush (iPhone)Split/Second: Velocity (iPhone, PS3, Xbox 360)3D Dot Game Heroes (PS3)Red Dead Redemption – Die Prärie ruft (PS3, Xbox 360)Alan Wake (Xbox 360)ModNation Racers (PS3)Chaos Rings (iPhone)GTA 4: Episodes from Liberty City (PS3, Xbox 360) NEWS Sony's Geschenk an Darth VaderCOMIC CON: Der Sommer 2011 bringt Thor's Zorn (PS3, Xbox 360)Bekannte Zeichen am Hockenheimring 2010 (PS3)StreemerzKinect wird 150 Euros kosten (Xbox 360)Wenn Games einen Super-Einfach-Modus hättenArcania: Gothic 4 erscheint am 21. September (PS3, Xbox 360)Dragon Age 2 kommt Anfang 2011 (Updated) (PS3, Xbox 360)Neue Bilder zu The Last Guardian (PS3)Sorcery – Zauberlehrlinge für Move gesucht! (PS3) MEINUNGEN
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||





