CALL OF DUTY — MODERN WARFARE 2
Testbericht | PS3 | Xbox 360

Call Of Duty — Modern Warfare 2

vor 7 Jahren von DN

Gemessen an den Erstwochen-Verkaufszahlen dürfte «Call Of Duty (6) — Modern Warfare 2» alle bisher erhältlichen Videogames in die Schranken weisen — mehr als 9.4 Mio Exemplare gingen über den Ladentisch über alle Versionen hinweg (PC, PS3 und XBox 360). In Sachen Online-Multiplayer-Gefechte und im neuen Co-Op-Modus Online oder Splitscreen glänzt MW2 wie schon der Vorgänger und dürfte für lange Zeit die Server heisslaufen lassen. Was den Singleplayer-Modus angeht, ist MW2 die grösste Enttäuschung seit langer Zeit.

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Right to the point

Eines vorweg: Wer sich überlegt, den neusten Modern Warfare-Titel vor allen Dingen für die Single Player-Kampagne zu kaufen, dem sei hier abgeraten. War MW 1 vor zwei Jahren in der Solo-Sparte noch eine gemessen am Szenario zwar fragwürdige, aber durchaus sehr unterhaltsame Kriegsorgie, macht hier der aktuelle Teil mehr als einen Fehltritt.

Das liegt wohl daran, dass die meisten Fans sich diesen Titel vorwiegend wegen der Online-Schiesserei kaufen (werden), und nicht wegen der Kampagne. Die Entwicklung derselben hat also wohl etwas weniger Nestwärme gekriegt als der Rest. Nichts desto trotz empfand ich die Story als über alle Massen unzusammenhängend, abstrus, streckenweise geschmacklos und generell einfach irgendwie uncool. Es gab ein paar interessante Ideen, ein paar spektakuläre Szenarios, aber das war's dann irgendwie auch schon. MW 1 war an manchen Stellen auch ein bisschen zerstückelt in der Erzählweise. Man hatte aber trotzdem das Gefühl, an einem gigantischen Achterbahn-Trip teilzunehmen, und eine Art Kriegs-Action-Movie live gleich selber zu spielen — samt einer einigermassen existierenden Kontinuität und hohem Thrill. Wer sowas erwartet, sollte sich nicht von MW 2 enttäuschen lassen.

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Das Gefühl der Immersion für die Handlung fehlte mir im zweiten Teil über weite Strecken komplett. Obendrauf ist eine gewisse Szene auf einem russischen Flughafen einfach derart stumpfsinnig, pervers und gesamthaft auch noch sinnlos im Handlungsstrang, dass man sich schon fragen kann, welcher Minderbemittelte sich denn diese Story samt Szenarios ausgedacht hat. Oder erinnert Ihr Euch an die geniale Stealth-Mission in der Nähe einer verlassenen russischen Stadt gegen Ende des ersten Teils? Auch diese wird platt und schlecht kopiert neu aufgegossen und das Ganze wirkt so noch mehr wie ein Nachhilfsprojekt für die Praktikanten bei Infinity Ward. Der Fokus lag ganz klar in einer anderen Sektion des Spiels, und die Single Player-Kampagne wurde einfach unter ferner liefen auch noch reingepappt. Den Eindruck von vielen Gametestern weltweit, dass es sich bei diesem Teil des Spiels um ein packendes Erlebnis von der Qualität des ersten Teils handeln soll, teile ich ganz und gar nicht.

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Nun, wie gesagt, die Handlung schliesst Grosso Modo an diejenige des ersten Teils an und spielt fünf Jahre später. Das gewohnt verklärte Gut-Böse-Nato-US-Irgend-Weltbild dröhnt wieder aus jeder Ecke entgegen, bloss wirds diesmals wirklich ad absurdum getrommelt und dann auch noch irgendwie umgekehrt. Ich hab die Geschichte wirklich nicht verstanden, aber im Kern geht's bei allem Satellitengeblinke und Agentenfilm-mässigen Auflisten von irgendwelchen Briefingdaten hier wohl doch ganz einfach ums Ballern.

Angestaubte Flinten

Der Absurdität der Handlung nicht genug, wirkt die Grafik zwei Jahre nach dem ersten Teil langsam ein bisschen angestaubt. War man damals noch einigermassen begeistert vom Artwork und der ganzen Atmosphäre, kommt das Ganze heutzutage irgendwie etwas unter Durchschnitt daher. Dass Infinity Ward es nicht fertiggebracht hat, mehr als eine 600p aufskalierte Auflösung aus den Konsolen zu pressen, spricht auch nicht unbedingt für die Entwickler. Das Spiel läuft zwar weitgehend flüssig und man kann nicht sagen die Optik sei übel. Gerade die Weitsicht lässt sich durchaus sehen, aber zwei Jahre Zeit hätten an der Präsentationsfront trotzdem für ein paar grössere Optimierungen sorgen müssen — hätte man dies gewollt.

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Der frühpensionierten Grafik nicht genug, kriegt man von Activision auch noch den Patch-Krieg erklärt: Sage und schreibe vier Mal in der ersten Woche war ein Update nötig (PS3-Version). Ich meine — what?! Man liefert mir quasi dasselbe Spiel wie vor vier Jahren mit neuen Levels, und benötigt tausend Korrekturen gleich nach dem Verkaufsstart? Ich spare mir hier einen bissigen Kommentar.

Abgesehen von der Technologie klingt die mangelnde Qualität in Dramaturgie und Gameplay bereits zu Spielbeginn an, wo der erste Teil mit einem genialen Auftakt aufwarten konnte. MW 2 ist im Vergleich ganz einfach ein laues Lüftchen. Dazu kommen im Spiel selbst ziemlich absurde Situationen. So stehen z.b. im Prolog des öfteren mal dieselben Figuren gleich nebeneinander (mal mit und mal ohne Sonnenbrille, aber so dumm und halbblind ist wohl nicht mal der durchschnittliche Ego-Shooter-Junky), oder man gelangt in der ersten Mission nach einem harten Gefecht direkt zu einer Kolonne von Verbündeten samt General — um die nächste Ecke, als lägen ein halbes Dutzend Kilometer zwischen den Schauplätzen. Irgendwie wirkt das dann simply ein bisschen arg zusammengekocht und halbgar. Pfui!

Packende und unerbittliche Onlineschlachten

Wo MW 2 wirklich glänzt, ist bei den Online-Gefechten und im lokalen Multiplayer. Vorweg ein paar Worte zum Online-Betrieb quasi als vorweggenommenes Fazit: Der Einstieg gelingt für jeden halbwegs erfahrenen Ego-Schützen mit leichter Hand, und der Multiplayer-Part von MW 2 ist wohl locker als Gesamtpacket das Beste, was es in dieser Sparte gibt.

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Die verschiedenen Optionen und Spielmodi werden erst nach und nach freigeschaltet, was es einem ermöglicht, sich schrittchenweise mit der Fülle von Einstellungen und Ausrüstungsgegenständen zurechtzufinden. Die vielseitigen Levels in verschiedenen Szenarios von Wüste bis Eis sind toll gelungen und bieten Kämpfe auf mehreren Ebenen, Tunnels, Stockwerken, Sniperpositionen und so weiter. Gut gelungen sind die Welten auch von da her, dass es fast keine ausschliesslichen Sniper-Levels gibt, wo immer irgendwo einer hockt und einem das Licht auspustet, bevor man überhaupt ne Ahnung hat wieso und woher. Die Abschusskamera zeigt einem ausserdem immer, woher der Schütze gekommen ist und man kann so je nach Schnelligkeit die Position des Übeltäters ausfindig machen, um diesen seinerseits zur Strecke zu bringen. Es dürfte also sehr schwer sein für einen Spieler, sich irgendwo zu verschanzen und unbedrängt ständig von da den anderen das Leben schwer zu machen. Dieser Mechanismus sorgt für hohes Tempo, aufregende Gefechte und viel Spass.

Weitere Zutaten wie Aufklärungsdronen, Lenkwaffen, Bomberangriffe, Helikopter- und Harrierunterstützung, Munitionsabwürfe und vieles mehr machen MW 2 zum weiterhin unbestrittenen König der Onlinekriege.

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Bei grösseren Gefechten kann das Matchmaking ab und zu etwas Probleme bereiten, bei 12-Spieler-Maximum-Team-Deathmatches waren kaum Probleme zu erkennen. Vielleicht handelt es sich dabei um ein PS3-only Problem, unserer Testversion, worauf die Patches hindeuten. Dahingehend auf jeden Fall schade, dass Infinity Ward den Standard von Killzone 2 mit problemlosen Games mit bis zu 32 Spielern, oder anderen neueren Online-Shootern, nicht annähernd erreicht. Das Online-Multiplayer-Vehikel von MW 2 spielt sich fix und flüssig, bringt viel auf den Tisch, hat aber irgendwie doch auch mit ein paar technischen Beulen zu kämpfen.

Mit Freunden im Einsatz

Neu im MW-Package drin sind die taktischen Missionen gegen computergesteuerte Gegner, welche man zusammen mit einem Freund zu zweit bestreiten darf. Die Schauplätze orientieren sich lose an denjenigen der Single Player-Kampagne. An Angriff nehmen darf man die Tactical Ops entweder lokal im Split-Screen oder via Online. Diese Addition ist hübsch gelungen, macht ebenfalls ordentlich Spass, und darf grösstenteils auch alleine ausprobiert werden. Empfehlenswert sind diese Aufgaben auch für solche, die sich vor dem Einstieg in Online-Kriege als Neuling erstmal anderweitig etwas beschäftigen wollen. So gibt es z.b. eine Mission, wo der eine sich um die Luftunterstützung kümmert, während der andere sich auf dem Boden zum Ziel durchkämpfen muss. Grundsätzliche taktische Möglichkeiten für den Online-Einsatz können also in dieser Sektion mit viel Unterhaltungswert schonmal eingeübt werden.


judgementbox
Call Of Duty – Modern Warfare 2
Positiv

Geniale und vielseitige Multiplayer- und Onlinegefechte — gespickt mit allen möglichen Maps, Waffen, Specials, Bonusgegenständen, einstellbaren Waffenupgrades und was des Online-Kriegers Herz sonst noch begehrt

Negativ

Absurde und teilweise geschmacklose Single-Player-Kampagne mit wenigen Glanzpunkten, dafür mit merkwürdigen Wendungen

Alleine spielen: Nur für Fans.
Mit Freunden auf dem Sofa spielen: Sehr gut!
Mit Freunden im Internet spielen: Sehr gut!
Du kannst DN, den Autor dieses Beitrags, über seine Kontakt-Seite erreichen.


# vor 7 Jahren
Schön das du das auch so siehst, ich hatte ja bisher nur das ein video der Flughafenszene gsehen und find die persönlich echt daneben und nonsense. Jetzt weis ich, das ich die auch weiterhin daneben finden kann ohne es selbst angespielt zu haben :-P
jackbrownjackbrown
 
 


7858
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# vor 7 Jahren
Genau diese Szene ist wirklich sehr fragwürdig — auch in Hinsicht dessen, was sie eigentlich soll, denn als stichhaltiger Grund für die Wendung im globalen Krisengefüge taugt sie absolut gar nicht. Ein russischer Terrorist und seine Bande erschiessen auf einem russischen Flughafen an die 200 Zivilisten. Super Idee. Und gerade hinsichtlich der ganzen (leiden) Gewalt & Videospiele-Diskussion verstehe ich Activision erst recht nicht. Einen Terroranschlag in Egoperspektive der Täter mitanzuschauen ist nun wirklich einfach schlichtweg jenseits.
Aber mal abgesehen davon macht das ganze Storygebilde einfach partout sehr wenig Sinn, irgendwie wirr und plötzlich ist wieder ein anderer der Böse. Schwudiwupp. Ich gehöre nun mal zur Sorte Gamer, die bei allem Trari auch gern ne einigermassen konsistente Story schätzen. Diese darf durchaus fragmentarisch erzählt sein, aber bitte doch mit etwas gutem Geschmack und einer Prise Spannung.

Dieser Kommentar wurde nach seiner Veröffentlichung vom Autor nochmals geändert.

DNDN
 
 


10922
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# vor 7 Jahren
Activision kümmert sich halt wenig um die schweizerische Lokalpolitik :-)
LKMLKM
 
 


10252
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# vor 7 Jahren
Wenn in Deutschland ein Verbot sogar der Produktion dieser Games erwogen wird, und Crytek unter diesen Umständen auswandern müsste, erachte ich das nicht mehr als ein Problem der schweizerischen Lokalpolitik. Solche Diskussionen finden momentan ziemlich weit herum statt, auch in vorher sehr liberalen Ländern wie UK und den USA (dort wohl stärker medial als politisch). In Australien kennt man Verbote von gewalttriefenden Videogames schon lange. Ausserdem ist Deutschland als Signalgeber nicht zu unterschätzen: Ein Verbot in Deutschland könnte ein EU-Bestreben in ähnliche Richtungen auslösen, und schliesslich auch die Schweiz beeinträchtigen.

Dieser Kommentar wurde nach seiner Veröffentlichung vom Autor nochmals geändert.

DNDN
 
 


10922
5 7 12
# vor 7 Jahren
Mein Punkt war das Activision eine amerikanische Firma ist. Und in den USA besteht keine realistische Gefahr, dass Spiele verboten werden. Allerschlimmstens könnte dort ein offizielles "Parental Advisory"-System eingeführt werden, wie bei Musik, oder schärfere Jugendschutzgesetze. Deswegen zerbricht sich Activision nicht den Kopf. Das vereinige Königreich würde ich übrigens in keiner Weise als "liberal" bezeichnen. England hat sich in den letzten paar Jahren immer mehr in Richtung Überwachungsstaat entwickelt. In London gibt's bald mehr Überwachungskameras als Einwohner.

Ausserdem ist die Idee dass man sich selbst zensieren muss damit keine Zensurgesetze eingeführt werden absurd. Wenn man sich sowieso selbst zensiert ist es irrelevant, ob ein Zensurgesetz eingeführt wird. Was nützt es uns wenn Action-Games nicht verboten sind und trotzdem niemand ein Spiel produziert welches interessante, provokative Dinge tut?
LKMLKM
 
 


10252
4 6 10
# vor 7 Jahren
Jep, bezüglich USA hast Du recht. Und bezüglich Deinem letzten Satz — solcherart Geschmacklosigkeiten wie in MW 2 könnte man getrost verbieten, die Welt wäre damit um nichts ärmer ;o) Natürlich ein Scherz, aber trotzdem: Die Flughafenszene in MW 2 ist wirklich nichts, auf das die Gamer-Welt in irgend einer Weise gewartet hat.
DNDN
 
 


10922
5 7 12
# vor 7 Jahren
Es ist irrelevant, ob jemand auf diese Szene gewartet hat. Wenn man bei Filmen solche Szenen verbieten würde, dann hätten wir nie Filme wie Baise-moi, Reservoir Dogs, Der Pate, Schindler's List, Hotel Rwanda, GoodFellas, Seven, Apocalypse Now, Inglourious Basterds, Full Metal Jacket, Oldboy oder Saving Private Ryan bekommen. Wäre die Welt ohne diese Filme auch nicht ärmer? Modern Warfare mag nicht das Game-Analog von Saving Private Ryan sein, aber wenn wir solche Szenen in Games wie Modern Warfare verbieten, dann werden wir *nie* ein Game-Analog von Saving Private Ryan bekommen.

Videogames sind eine Kunstform. Wer *schlechte* Kunst zensiert, der verhindert, dass *gute* Kunst von den selben Methoden gebrauch macht.
LKMLKM
 
 


10252
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# vor 7 Jahren
Was mich eher an MW2 stört als die umstrittene Gewaltszene ist der Umstand, dass die PC-Version eigentlich keine solche ist, sondern einfach ein (schlechter) Konsolenport. ars (besser gesagt Ben Kuchera) hat da sehr ausführlich darüber geschrieben, und wenn er recht hat, ist MW2 für mich ein vermeidbarer Titel.

Wherefore art thou, Infinity Ward?
toshirotoshiro
 
 


7798
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# vor 7 Jahren
"...dann werden wir *nie* ein Game-Analog von Saving Private Ryan bekommen."

oder doch: http://www.youtube.com/watch?v=e8eq2tfDyRw

:)
shinobishinobi
 
 


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