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Shenmue 3 und unrealistische Kickstarter-Budgets

vor einem Jahr von LKM, Aktualisiert: vor einem Jahr

Shenmue war ein Dreamcast-Spiel aus dem Jahre 1999. Obwohl das Spiel finanziell kein enormer Erfolg war (was zumindest teilweise den nicht überragenden Verkaufszahlen der Dreamcast zu verdanken war — damit das Spiel profitabel werden würde, hätte jeder Dreamcast-Besitzer zwei Kopien davon kaufen müssen), wurde es von den Gamern geliebt. Das open-world-Spiel hatte eine nichtlineare Story, einen Tag-Nacht-Zyklus, und dynamische Wettereffekte — alles Dinge, die man damals in wenigen oder gar keinen anderen Spielen finden konnte.

Shenmue 1 hatte ein Budget von ungefähr 50 Millionen US$.

2001 kam der Nachfolger auf den Markt, Shenmue 2. Dieses mal wurde das Spiel für Dreamcast und Xbox veröffentlicht, mit einem ähnlichen Budget wie Teil 1 und ähnlich schlechten Verkaufszahlen. Und das war das Ende von Shenmue.

Das Problem? Gamer liebten die Shenmue-Games — und die beiden Spiele hatten eine gemeinsame Story, die nie zu Ende erzählt wurde, weil der letzte Teil fehlte.

Nun finanziert Yu Suzuki den dritten Teil per Kickstarter. Das Ziel des Projekts ist es, 2 Millionen US$ zu erreichen, was vermutlich auch problemlos erreicht werden wird. Das aktuell am höchsten finanzierte Kickstarter-Spiel ist Bloodstained, ein inoffizieller 2D-Castlevania-Nachfolger von Castlevania-Erfinder Koji Igarashi. Dieses Spiel hat 5.5 Millionen erzielt. Es ist durchaus plausibel, dass Shenmue 3 diesen Rekord schlagen wird, und 6 oder gar 7 Millionen US$ zusammenbringen kann.

7 Millionen US$ sind nur rund 10% des Budgets der ersten zwei Teile. Und Games sind seit 2001 nur teurer geworden. Die Grafik — Texturen, Modelle — muss viel detaillierter gemacht werden, die Musik muss orchestriert sein, die Gamer erwarten mehr NPCs, die sich natürlicher verhalten, und so weiter. Das alles kostet viel, viel Geld!

Ich bin mir nicht sicher, wie dieser Kickstarter gut enden kann.

Igarashi hat immer beteuert, dass die 5.5 Kickstarter-Millionen nur ein Teil vom Bloodstained-Budget sind, weil andere Geldquellen vorhanden sind. Bloodstained wird am Ende wohl ein Budget von etwa 10 Millionen US$ haben. Und das ist ein realistisches Budget für ein professionelles 2D-Spiel. Ein einzelner Entwickler kostet eine Firma etwa 200'000 Franken im Jahr. Davon braucht man für ein Spiel wie Bloodstained etwa sechs; die Entwicklungszeit dürfte rund zwei Jahre sein. Damit sind 2.4 Millionen vom Budget schon mal weg. Dazu kommen Grafiker, Spieledesigner, Audioingenieure, Musiker, UI-Designer, Administration, und so weiter. Die kosten meist etwas weniger als Programmierer, dafür hat's auch mehr davon. Dann kommen all die externen Dinge dazu: Kickstarter-Rewards wie T-Shirts produzieren und versenden, Werbung, Ports auf andere Plattformen (die oft von externen Studios gemacht werden).

Und dann darf man damit rechnen, dass sich das alles verspätet, und am Ende schnell mal ein halbes Jahr länger dauert als gedacht.

Ein Budget von 10 Millionen ist da sehr schnell aufgebraucht, auch wenn man mit einem kleinen Team arbeitet, und "nur" einen 2D-Sidescroller macht.

Shenmue ist kein 2D-Sidescroller. Shenmue ist ein enormes Open-World-Spiel. Bis GTA kam, war Shenmue das teuerste Spiel aller Zeiten!

Wenn Leute Shenmue 3 auf Kickstarter unterstützen, dann denken sie an Shenmue 2, und stellen sich ein Sequel dazu vor — nicht ein 5-Millionen-Indie-Spiel.

Ich finde es toll, dass Yu Suzuki sich an einen dritten Shenmue-Teil wagt, und wenn ich ehrlich mit mir bin, weiss ich schon jetzt, dass ich das Spiel auf Kickstarter unterstützen werde. Aber ich befürchte, dass die meisten Leute, die das tun, sehr unrealistische Vorstellungen davon haben, was man mit ein paar Millionen genau erreichen kann.

Ich bin ein enormer Fan von Kickstarter, und ich habe normalerweise überhaupt kein Problem damit, Kickstarter-Projekte zu unterstützen. Aber in diesem Fall habe ich echt das Gefühl, dass dieses Projekt nur in Enttäuschung enden kann.

Du kannst LKM, den Autor dieses Beitrags, über seine Kontakt-Seite erreichen.

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