UNCHARTED 4 - A THIEF'S END
Testbericht | PS4

Uncharted 4 - A Thief's End gold_medium

vor 7 Monaten von DN, Aktualisiert: vor 6 Monaten

«Uncharted 4 ist ein Meisterwerk» liest man allenthalben. Trifft dies wirklich zu? Ein Blick auf die drei gelungenen Vorgänger schraubt die Messlatte markant in die Höhe, auch wenn der letzte Eintrag nicht ganz die erzählerische Tiefe von Teil 1 und 2 erreichte. Umso mehr erstaunt es und ist es zu würdigen, dass Naughty Dog diesen Brocken tatsächlich in die Luft gekriegt hat. Und gleichzeitig zieht ein Hauch von Melancholie in die Glieder, wenn der Abspann läuft.


Einmal ein Dieb, immer ein Dieb?

Wer gerne ab und zu ein Buch liest, kennt das Gefühl: Kaum hat man die ersten Seiten verschlungen, rattert es dermassen im Gebüsch, dass der hintere Buchdeckel bedrohlich schnell näherkommt und man das Werk kaum aus den Händen legen mag. Uncharted 4 ist so etwas wie der ultimative Page-Turner unter den Videospielen.

Kann ein Dieb ein guter Mensch sein? Oder vielmehr noch: Ist ein (glückloser) Dieb überhaupt ein Mensch oder vielmehr ein niederes, egomanes, von Habgier getriebenes Schattenwesen? Wenn ein Videogame solche Fragen aufzuwerfen vermag, ohne sie explizit zu stellen, soll das schon mal was heissen.

Einmal mehr (und wohl ein letztes Mal) dürfen wir Nathan Drakes grossmehrheitlich vergeblicher Jagd nach den verschollenen Reichtümern dieser Welt beiwohnen. Nach dem «El Dorado» im ersten, «Shangrila» im zweiten und der legendären Wüstenstadt Iram der Säulen im dritten Streich begibt sich Drake samt Entourage dieses Mal auf die Spuren des sagenumwobenen Piraten-Fürsten Henry Avery samt seinen Dutzenden von Decknamen und Aliasen. 400 Millionen Dollar soll dessen Anhäufung von Reichtümern wert sein, was naturgemäss dazu führt, dass sich alle möglichen Parteien um das Ergattern der Avery-Hinterlassenschaft zanken.

Wie wir uns das bereits quasi aus Tradition gewohnt sind, verläuft die Suche nach den Reichtümern nicht ganz so wie ursprünglich geplant, soweit man das von einem Unterfangen dieser Art überhaupt sagen kann. Mit diversen Twists, unvorhersehbaren Wendungen und einer ganzen Bandbreite von schmucken Schauplätzen serviert uns Naughty Dog hier Erzählkunst in interaktiver Form der Extraklasse. Klar scheint das eine oder andere Element aus einem Abenteuerroman der Sorte «Kiosk-Cowboys» entsprungen, aber das passt hier gar nicht so schlecht hinein.

Alle guten alten Bekannten sind mit von der Partie, es stellt sich schon fast eine Art «Wiedersehen mit Freunden» ein. Etwas merkwürdig fand ich das «Redesign» von Elena. Sie schaut im neuen Titel anders aus als früher, vielleicht hätte man auf diese Art von «Kosmetik» verzichten können. Abgesehen davon vermögen die Gestalten zu unterhalten, man mag sie einfach irgendwie.

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Bemerkenswert fand ich die Wandlung, welche die Figur Nathan Drake auf seiner Schatzsuche mitmacht (und welche er im Verlauf der letzten drei Titel bereits durchgemacht hat). Die Jagd nach Gold und Ruhm wird mehr und mehr zu einer Suche nach sich selbst, Drakes Vergangenheit und seiner wahren Bestimmung. Natürlich sei hier nichts verraten über den Verlauf der Sause. Diese Tatsache erstaunt nicht wirklich angesichts der Themen, welche bei «The Last Of Us» mitschwangen. Nur soviel sei gesagt: Neben dem üblichen Klamauk kommt hier des öfteren ein ernsterer Ton hinein, der Konflikte der Figuren sichtbar macht, und sich durchaus sehen lassen kann. Daran dürfte sich die Gamebranche meines Erachtens ein grosses Stück abschneiden. Themen wie Treue, Gier, Ehrgeiz und gar der Tod tauchen aus dem Dunst des aufgewirbelten Staubes auf und fügen sich schön ineinander.

Des Rätsels Lösung ist nicht immer eine Knarre

Das Gameplay von Uncharted 4 nimmt die guten Elemente der Vorgänger auf, perfektioniert sie und fügt eine Reihe von neuen Features hinzu, welche sich fliessend ineinanderfügen und Sinn machen.

Folgende Aspekte fallen besonders auf:

  • Treasures: Bewährt und cool sind die kleinen Schätze, die man unterwegs findet. Sie haben keinen tieferen Sinn, aber sie sind schön gestaltet und man freut sich immer wieder über das eine oder andere Kleinod von faszinierender Schönheit.

  • Offene Gebiete: Die Levels sind streckenweise viel offener als noch in besten Uncharted 2-Tagen. Selbst Kletterpassagen bieten da und dort mehrere Wege für das Vorankommen. Dabei hilft auch das neue Element mit dem Kletterseil, welches viel mehr Varianten und Nervenkitzel beim Klettern und Kraxeln ermöglicht.

  • Gefechte: Das Gunplay präsentiert sich satter und knackiger als je zuvor. Was bereits früher funktioniert hat, wurde nicht angerührt. Kleine, sinnvolle Ergänzungen bereiten Freude. Nervig hingegen ist die Tatsache, dass Munition für die bereits ausgerüstete Waffe immer noch explizit aufgehoben werden muss, was null Sinn ergibt. Dass man sowas über vier Titel hinweg nicht ändern mag, ist mir ein Rätsel.

  • Drück den Schalter: Beste Schatzsucher-Abenteuerer-Atmosphäre trifft man hier an in all den Gruften und Gräbern. Nach wie vor gilt es, die recht einfachen, oftmals auf Beobachtungsgabe basierenden Rätsel wie Geheimtüren, Schaltermechanismen und Kombinationsschlösser zu lösen. Viel mehr Granit brauchts hier nicht zum Draufbeissen, aber Uncharted 4 ist sicherlich nichts für Rätseljunkies.

  • Heimlichtuerei: Öfters gibt es Stealth-Passagen, wo verdecktes Vorgehen belohnt wird durch weniger Gegenwehr. Man darf aber auch als Rambo durch die Gegend rennen, wild drauflosballern und so auch öfters sterben. Rüppelknelle wird mit etwas höherem Todesrisiko «bestraft».

  • Geröllhaufen und Splitterflug: Die Physik und Destructability wurde massiv ausgebaut und macht ordentlich Gebrauch von der Rechenleistung der PS4. Deckungen lösen sich auf unter Beschuss, Geröll wird bei Rutschpartien mitgerissen, bis es realitätsnah auf eine ebene Fäche kullert, Splitter und Rauch zeigen sich plakativ. Dies hat öfters auch einen direkten Einfluss aufs Gameplay, denn Deckungen mit mehr Stabilität sind zu bevorzugen und Geröllresten können einen im Wege stehen bei waghalsigen Aktionen.

Liebe zum Detail

Man spürt hier, dass sämtliche Künstler und Tekkies mit viel Liebe zum Detail bei der Arbeit waren. Alles an diesem Titel schreit «grandios, grandioser, grandiosestens», und es kommt regelmässig vor, dass man dies auch effektiv selber denkt. Manche Aussicht oder Passage raubt einem schlichtweg den Atem, und man sollte sich Zeit zum Erkunden lassen. Sonst übersieht man wohl die eine oder andere Perle.

Durch das fantastische Motion Capture wirken die Figuren wirken nahezu lebensecht, und ergänzen die feinste Grafik bis in jede Baumwipfelspitze und jede Schuhsohle. Mehr als Worte sagen dazu sicherlich Bilder, entsprechend sollte man sich auch diesen widmen:

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Fazit

Ich bleibe dabei: Der zweite Teil stellt in Sachen Gameplay-Flow und Story immer noch eine unerreichte Marke dar, welche sich Naughty Dog selbst gesetzt hat. Teil 4 hat eigene Stärken, alles in allem aber bleibt er doch ein klein wenig hinter dem Himalaya-Abenteuer zurück.

Man soll bekanntlich dann aufhören, wenns am schönsten ist. In diesem Fall hätte ich mir einmal mehr (und umso mehr) gewünscht, dass dem nicht so ist. Aber wer weiss, vielleicht dürfen wir nächstes Jahr einen neuen Titel aus der «The Last Of Us»-Reihe aufstarten und mit Wehmut darüber hinwegsehen, dass Nathan Drake der Geschichte angehört.

Dieses Spiel hat eigentlich nur einen grossen Fehler: Es ist irgendwann zu Ende. Viel mehr kann ein Action-Adventure nicht bieten: Satte Action, fassbare Charakteren und Welten, die zum Erkunden einladen.

Ich bin sehr gespannt, was dieses hochtalentierte Studio als nächstes für uns auf Lager hat.

Wir bedanken uns bei PlayStation für die freundliche Bereitstellung einer Vollversion zu Testzwecken.


judgementbox
Uncharted 4 - A Thief's End
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Positiv

Offenere Welten, abwechslungsreiches Gameplay, sinnvolle neue Features wie das Kletterseil, schöne Wechsel im Erzähltempo, tiefgehende Charakterzeichnungen, Motion Capture in High-End-Format, atmosphärisch dichte Komposition, tolles Artwork

Negativ

Multiplayer ist ehrenswert und erweitert das Spielerlebnis um ein paar Stunden – bleibt jedoch kaum nennenswert im Vergleich zu den besten Titeln in Sachen PvP wie The Division oder Destiny, Gefechte hie und da etwas aufgezwungen

Alleine spielen: Sehr gut!
Mit Freunden auf dem Sofa spielen: Gibt's nicht.
Mit Freunden im Internet spielen: Nur für Fans.
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Uncharted 4 - A Thief's End
Erhältlich für PlayStation 4
Von Naughty Dog (Developer), Sony (Publisher)