THE LAST GUARDIAN
Testbericht | PS4

The Last Guardian gold_medium

vor 2 Monaten von DN, Aktualisiert: vor 2 Monaten

Es kommt selten vor, dass ein Spiel fast zehn Jahre Entwicklungszeit und mehrere schwere Hindernisse überwindet und am Ende doch noch erscheint, statt gecancelt zu werden. Zum Glück hat Sony Japan an Ueda und seiner Vision festgehalten: Dieses Spiel ist pure Magie in seinen besten Momenten, absolut einzigartig und streckenweise eine wahre Tortur. Ein bisschen wie eine digitale Pilgerfahrt voller Abenteuer, Gefahren und Hindernissen – und einer grossen Prise Herzschmerz.


Wer möchte denn nicht einen eigenen Fuchur haben?

Der kleine Junge, dessen Geschichte ein alter Mann als Quasi-Rückblende erzählt, erwacht in einem Verliess neben einer riesigen Bestie. Das merkwürdige Wesen trägt noch die Überreste einer Rüstung mit Gesichtsschutz, halb zerbrochen. Es handelt sich um eine Chimära, ein Mischwesen aus irgendwas zwischen Greifvogel, Katze, Reh und Hahn. Der tolpatschige Knabe, in dessen Haut man schlüpft während der nächsten knapp 12 Stunden Spiessrutenlauf durch das halbzerfallene Ruinen-Reich ohne Namen, staunt genauso wie der Spieler nicht schlecht ab dem mysteriösen Wesen. Niemand weiss, wie der Junge oder die Chimära da hingekommen sind. Was sie miteinander verbindet. Wohin ihr Weg führt. Klar ist einzig, dass die beiden aufeinander angewiesen sind, wenn sie überleben wollen.

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Toriko, der Name des riesigen Mischwesens, ist dem Knaben seltsamerweise bekannt. Auf Japanisch kann Toriko mehrere Bedeutungen haben:

  • «Gefangener» (虜 toriko)

  • «Vogeljunges» (鳥の子 tori no ko)

  • «Katzenvogel» (鳥 tori - 猫 neko)

Der Junge selbst hat keinen Namen, trägt geheimnisvolle Zeichen auf seiner Haut, dessen Ursprung er auch nicht kennt, und es scheint klar, dass der Knabe eigentlich nicht in die gigantische halbzerfallene Tempel-Festung gehört.

Geneigten Ueda-Fans wird der Ort des Geschehens bekannt vorkommen, ist die Umgebung gemäss Aussage des Chefdesigners doch dieselbe wie diejenige in Ico und Shadow of the Colossus. Die gleiche Magie ist dem digitalen Stein und Moos inhärent, man riecht quasi die alten Gemäuer, wenn das Licht sanft darauf fällt und die Pflanzen sich im Wind wiegen. Blätter von Bäumen tanzen ihren Reigen, manche Abschnitte sind schon fast schmerzhaft schön gemacht, ein Wunderland, in welchem man verweilen möchte.

Zappelphilipp

Wenn ich das gesamte Phänomen «The Last Guardian» in einem Wort beschreiben müsste, würde ich sagen «Gratwanderung». Sowohl im Leveldesign mit seinen tausend Abgründen wie auch in mancher Passage lauert der ganz grosse Ärger neben ganz grossem Kino. Der tolpatschige Junge strauchelt und holpert öfters durch die Gegend, dass einem Angst und Bang wird. Man kann natürlich der Auffassung sein, dass die Controls mangelhafte Arbeit darstellen. Ich sehe das eher als ein geniales Element, welches die Spannung im Spiel bei Balance-Passagen nochmals verstärkt. Hier rennt kein Nathan Drake oder Batman der neusten Generation durch die Gegend. TLG ist ein altmodisches Spiel ohne die Beweglichkeit und Denke eines topmodernen Abenteuer-Titels wie neuste Zeldas oder Uncharted 4 und Konsorten. Der namenlose Junge ist schlichtweg das: ein kleiner Junge. Tappsig, verunsichert, ängstlich. Während dem Gang entlang eines tiefen Abgrundes, links der Schlund, rechts eine hundert Meter hohe Felswand, tastet sich der Kleine tapfer voran. Die Hand sanft auf den Felsen gelegt, nicht klammernd oder klaubend, es ist eine für Pixel-verhältnisse fast undenkbar leise Berührung. Und wenn der Knabe losrennt, ist er manchmal hakelig zu steuern – gewiss – aber erstaunlicherweise mit seltenerem Missed-Control-Tod als in einem Uncharted 4. Der Junge ist eben wie gesagt kein Superhero-Ninja-Gaiden-like-Superathlet. Zum Glück. Er ist ein Knabe von vielleicht 10, 11 Jahren – allein mit einem gigantischen Biest, das mehr und mehr zum Freund wird.

Neben der offensichtlichen Nostalgie, der leichten Angestaubtheit und manchem unnötigen Altlasten-Element wie die ständigen Hinweise für die Controls (Danke, nach sieben Stunden weiss ich, wie runterhangeln geht) zeichnet sich TLG durch manche Details aus, die wie aus ferner Zukunft entsprungen scheinen. Dazu gehören Bewegung, Eigenart und «Wesen» vom Fabeltier Toriko. Ich habe noch nie einen NPC (und Toriko ist nichts Anderes) gesehen, der so lebendig und Haustierartig-eigenwillig daherkommt, aber ein reiner Pixelhaufen mit KI ist in Realität. Das Vieh ist zudem gleichzeitig auch ein Leveldesign-Element und viele Passagen vereinen Aktionen des Jungen mit Aktionen von Toriko (mit oder ohne Junge) und dem Level an sich. Das ist einfach schlichtweg genial, was uns da Ueda streckenweise auftischt.

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Besonders beeindruckend fand ich den Wandel in der Beziehung zwischen dem Knaben, Toriko und dem Spieler. Man selbst ist ja eigentlich so quasi wie eine dritte Person in diesem Gespann. Das Gewissen, der Wille, der Schutzengel oder sowas in der Art. Es entsteht eine einzigartige Beziehung zwischen digitalem Helden (Knabe), dem «Kuscheltier» und dem Spieler. Zu Beginn ist Toriko feindlich gesinnt, gefährlich, skeptisch, verletzt. Erst als der Knabe die ersten Fässer mit grünen Schmetterlingen (Ja, diese Japaner und ihre Essenskultur, merkwürdig) an das Biest verfüttert, steigt dessen Goodwill für den Jungen.

Mit wachsender Freundschaft wird Toriko aka. Trico zu einer Art Schweizer Taschenmesser für den Jungen. Das Tierchen macht manchmal auch überaus störrisch und genau nicht das, was man möchte. Einmal mehr: Es kann zwar nerven, ist aber schlichtweg genial. Welche Katze macht denn immer, was man ihr befiehlt? Es wäre fast zu langweilig, wenn Toriko wie ein Chimären-Roboter agieren würde. Erst durch das gelegentliche Rumliegen, Rummaulen, Verständnislos-Dreinblicken, Stutzen und ähnlichem Betragen wirkt das Vieh so richtig lebendig.

Besonders interessant fand ich die Meta-Botschaft, welche Ueda in Actionsequenzen mit verpackt hat. Wenn Toriko den Jungen gegen den Angriff von steinernen Statuen-Wächtern verteidigen und zu diesem Zweck die Robo-artigen Gestalten zertrümmern muss, passt ihm das überhaupt nicht. Toriko ist anschliessend kaum zu zämen, unruhig, ungehalten. Erst durch Streicheln des Felles ist das Biest zu beruhigen. Man könnte also sagen: Toriko ist ein Pazifist, der Gewalt strikt ablehnt und nur zur Selbstverteidigung oder dem Wohle von Verbündeten einsetzt.

Die Kamera hat stellenweise Probleme, diese Kritik muss man ganz klar äussern. Das hätte man mit sorgfältigerer Arbeit aushebeln können. Ich kann nicht nachvollziehen, dass man Ueda nicht mal einen Workshop mit Naughty Dog in seine Agenda eingetragen hat, wenn man bei Sony Worldwide Studios ja mitunter ein paar der besten Kamera-Programmierer in Kalifornien sitzen hat. Die Probleme mit der Sicht sind selten matchentscheidend und kommen nicht alle 5 Minuten vor, aber sie nerven einen Tick zu sehr.

Was Toriko angeht, so handelt es sich dabei nicht etwa um einen Robo-Drachen, der auf jedes Kommando einfach so drauflosrennt, und auf der anderen Seite auch nicht um ein widerspenstiges, eigenwilliges Vieh. Der Umgang mit Toriko ist ein permanentes Puzzle, welches sich durch die gesamte Spieldauer zieht, aber nicht im negativen Sinn. Selten macht Toriko zwar das Offensichtliche nicht – was natürlich nervt –, aber man muss eben experimentieren. Manchmal hilft schlichtes Rufen nicht, sondern man muss sich verstecken, damit Toriko sich Sorgen macht und nachschauen kommt. Solche kleinen aber feinen Details sind kein Zufall oder ein Fehler, sondern einfach grosse Klasse. Und gleichzeitig nichts für jedermann.

In der Ruhe liegt die Kraft – im Detail steckt die Schönheit

Die Präsentation von The Last Guardian – abgesehen von gelegentlichen Bildratentauchern – ist schlichtweg gigantisch. Der Soundtrack ist oskarverdächtig und die Animationen der Spielwelt samt ihrer Bewohner wirkt dermassen elegant, lebendig und filigran, als wären Sie einem kunstvollen Top-Anime entsprungen. Mit dem Unterschied, dass man selbst als Regisseur amtet.

Wer mehr erfahren möchte, sollte sich dieses Spiel als «Let's play» auf Youtube anschauen, oder am besten gleich selber auf Abenteuerfahrt gehen. Sonst verpasst man definitiv etwas.

Fazit

The Last Guardian ist ein Meisterwerk, auf das wir zehn lange Jahre warten mussten. Den zahlreichen Ecken und Kanten zum Trotz hat Ueda und sein Team etwas geschaffen, was absolut einzigartig ist: Eine digitale Kreatur, die sich dermassen echt anfühlt, dass man sogar echten Ärger über deren Widerspenstigkeit empfinden kann. Oder aber auch vollste Erfüllung, wenn alles klappt wie am Schnürchen – fast wie im echten Leben.

Es ist nie gut für einen Titel, wenn zwischen Ankündigung und Release soviele Jahre und zweieinhalb Plattformgenerationen liegen. So gesehen grenzt es an ein Wunder, dass TLG überhaupt je den Weg in unsere Konsolen gefunden hat. Die Zeit hat dem Titel aber kaum geschadet – man ist geneigt zu sagen, im Gegenteil. Die weite Sicht samt Grafik ist schlichtweg atemberaubend. Und ich zumindest bin Ueda und Sony zutiefst dankbar für dieses Erlebnis.

The Last Guardian stellt sich gegen die Videogame-Action-Jackson-Highspeed-Massenware, saubergeschliffen und hochpoliert. Das Chimära-Boy-Adventure ist nichts für die Online-Multiplayer-Angeber, Schnelldurchläufer und Digital-Fast-Food-Fresser unserer Zeit. Toriko und der Junge wollen die volle Aufmerksamkeit sowie Hingabe des Spieler und verlangen eine gute Portion Geduld. Als Belohnung bieten sie jedem geneigten Screen-Abenteurer pure Videospiel-Magie.

Wir bedanken uns bei PlayStation für die freundliche Bereitstellung einer Vollversion zu Testzwecken.


judgementbox
The Last Guardian
gold_medium
Positiv

Atemberaubende Präsentation und emotionale Spielmomente, überraschende Räume und Wendungen, lebensechtes Digitalwesen wie ein Haustierchen, einzigartiges Spielerlebnis Marke Ueda, kontemplatives und meditatives Erlebnis, interessante Rätsel

Negativ

Einzelne Ruckler, Steuerung manchmal nervig schwammig, widerspenstiges Vieh als Kumpel macht nicht immer was es sollte, Kamera ist nicht auf Level 2016

Alleine spielen: Sehr gut!
Mit Freunden auf dem Sofa spielen: Gibt's nicht.
Mit Freunden im Internet spielen: Gibt's nicht.
Du kannst DN, den Autor dieses Beitrags, über seine Kontakt-Seite erreichen.


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The Last Guardian
Erhältlich für PlayStation 4
Von Sony (Developer, Publisher)