FALLOUT 4
Testbericht | PS4 | PC | Xbox One

Fallout 4

vor einem Jahr von DN, Aktualisiert: vor einem Jahr

Der neuste Streich aus dem Hause Bethesda weist alle Qualitäten und altbekannten Kinderkrankheiten der grossen Hits wie Oblivion, Skyrim und Fallout 3 auf. Er ist deshalb – soviel kann ich vorwegnehmen – ein must have für alle Fans von Exploration und Action-RPGs. Nichts desto trotz wäre es an der Zeit für Bethesda, neben sattem Content, toller Story und witzigen Charakteren auch die technische Seite aufzuräumen und sauber aufzubauen. Darum vorerst von mir kein Gold Award – aber wer weiss. Vielleicht lasse ich mich noch eines besseren belehren im Verlauf der kommenden Stunden mit dem Titel.


Es war einmal ein alter Bunker ...

Ein Mann (oder eine Frau, wahlweise) macht sich auf die Suche nach seinem /ihrem entführten Sohn. Die Welt, die den Sprössling verschluckt hat, ist nicht mehr dieselbe, wie beim Hinabsteigen in den Bunker 111 vor vielen Jahrzehnten. Ganz und gar nicht. Wo anfangen? Wen fragen? Ganz nebenbei ist man ja schliesslich fast 200 Jahre alt, zwar gut erhalten, aber geistig noch nicht ganz in der staubigen Zukunft angekommen.

Die Story von Fallout 4 präsentiert sich in gewohnter Bethesda-Manier: Episch, packend, einzigartig. Bis auf den Start. Mir hat dieses Mal der Einstieg nicht so gut gefallen wie z.B. in Fallout 3 oder bei Skyrim, die ersten paar Stunden im Spiel haben mich schlichtweg nicht so richtig gepackt. Schwer zu sagen wieso genau. Richtig Fahrt nimmt die Schose erst nach fünf bis sechs Stunden auf, dann aber so richtig. Wer also die ersten ein zwei Gameabende als ansatzweise dröge empfindet, sollte nicht verzagen. Die Hauptgeschichte überschlägt sich bald alle paar Viertelstunde, manche Nebenquests werden auf schöne Weise mit der Hauptquest verschmolzen und der Suchtfaktor steigt mit jeder erfüllten Aufgabe.

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Herrlich – ein anderes Wort fällt mir dazu nicht ein – spielt es sich wie bereits in früheren Titeln, die verschiedenen Fraktionen und Interessengruppen kennenzulernen, für oder gegen diese zu arbeiten, und mit jedem Auftrag etwas mehr über die kaputte Gegend samt Gekrieche rund um Boston Massachusetts zu erfahren. Es lauern zahlreiche Verschwörungen, üble Machenschaften gilt es aufzudecken, und nicht selten läuft es einem bei der einen oder anderen neuen Erkenntnis kalt den Rücken hinunter. Hier sind Dinge im Gange, welche nicht gerade hoffnungsvoll stimmen für die sonst schön düstere Zukunft.

Neu, oder stark opimiert in dem Sinn, zeigt sich die Art, wie die eigenen Entscheidungen den Verlauf der Geschichte beeinflussen. Jedes Dorf scheint seine Vorlieben und Abneigungen gegenüber manchen anderen Siedlungen zu haben, manche Gestalten sind beliebt, manche überall verhasst, manche Gruppierung steht hier hoch im Kurs und ist da völlig aussen vor. Man spürt diese sehr heterogene Welt von Gesinnungen und Zielen bei praktisch jeder Begegnung, der Groove in Diamond City ist völlig anders als im Südosten, und damit ist nicht die Grafik gemeint. Die Menschen (und was sonst noch so rumläuft) sind anders, man spürt den Unterschied in jedem Gespräch. Dies war zwar bei Skyrim ähnlich, aber man erwartet dies halt auch, wenn einem ein Zwerg oder ein Elf gegenübersteht. Hier ist die Welt viel stärker zersplittert, überraschend anders.

Besonders hervorheben möchte ich einen spezifischen Aspekt: Bethesda ist es gelungen, auch brandaktuelle Themen wie Extremismus, soziale Verblendung, Fanatismus, Schläfer und politisch motivierte Attentate in das Potpourri aus postnuklearem Setting und kunterbunter Einwohnerschaft der Gegend rund um Boston miteinzubetten.

Gewürzt wird das Ganze durch eine einfallsreiche Cast von Charakteren. Ein humanoider halbzerfallener synthetischer Detektiv, eine durchgeknallte Reporterin mit ausgeprägter antiautoritärer Haltung, hochgradig pflichtbewusste Fanatiker, eine drogenkonsumierende halluzinierende als Wahrsagerin empfundene Oma und allerhand weitere irre Persönlichkeiten. Dazu gesellen sich ein paar Gestalten und Nachtschattengewächse der ganz düsteren Sorte, denen man leider vorzugsweise im Dunkeln begegnet. Geschenkt wird einem hier kaum was, der Schwierigkeitsgrad bewegt sich ständig auf gesalzenem Niveau, auch auf tieferen Einstellungen.

Kritisiert wurde von verschiedenen Seiten das Dialogsystem, da man nicht sieht, was der eigene Charakter genau sagen wird, stattdessen eine eher vage Umschreibung des Inputs. Das hat Bethesda auch schon besser gelöst in der Vergangenheit.

Basteln, ballern und bombenlegen

Das gewohnte Prinzip aus Jagen und Sammeln der Bethesda-Games wird hier konsequent weitergeführt, ohne grossartige Neuerungen zu präsentieren – mit einer Ausnahme, auf welche ich etwas weiter unten eingehe.

Warten erneuert in Fallout 4 die Gesundheit nicht, was etwas nervt. Man muss zu diesem Zweck zwingend schlafen oder Drogen nehmen. Auch kann man nicht einfach irgendwo warten, beispielsweise um eine andere Tages- oder Nachtzeit einzustellen, man muss dazu einen Stuhl oder einen Sessel vor sich haben. Was das genau bringen soll, kann ich mir kaum vorstellen. Warum sollte dem Spieler eine einfache Option, die man öfters braucht, dermassen erschwert werden? Merkwürdig.

Die Actionsequenzen spielen sich gut, Schiessereien bieten gute Unterhaltung, der Nahkampf ist nach wie vor eine Heulbeule. Bitte, liebe Mitglieder des Bethesda-Teams, baut doch endlich eine neue Engine, welche erstens aussieht, wie man sich das heutzutage so wünscht, und vor allem endlich endlich den Nahkampf besser spielbar macht. So geht das nicht weiter!

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Besonders gut gefallen hat mir der Fähigkeitsbaum, welcher in dem Sinn keiner ist. Man hat sieben grundsätzliche Fertigkeiten wie Stärke, Intelligenz und Agilität zur Wahl, welche jeweils mit maximal 10 Sternen versehen werden dürfen. Darunter als Säule angeordnet, sind weitere je rund 10 Perks, welche je nach Stufe der Basisfertigkeit frei nach Lust und Lauen ausgebaut werden dürfen. Diese Art von Skilltree ermöglicht viel Freiraum und maximale Spezialisierung auf Dinge, welche einem wichtig sind. Es kann also durchaus sein, dass man bei Bedarf nach sechs oder sieben Levelaufstiegen bereits die schwierigsten Schlösser knacken oder die schwierigsten Display-Sicherungen umgehen kann. Man muss sich halt Prioritäten setzen.

Recycling the wastelands

Die grösste Neuerung in Fallout 4 dürfte die Bau- und Mikromanagement-Option darstellen. Man darf dabei Siedlungen neu aufbauen, befestigen, mit allerhand Trödel vollstellen, Generatoren bauen, verlinken, Wasser säubern, Gemüse anpflanzen und was einem sonst noch so in den Sinn kommt. Fans von Aufbauspielen, Ressourcenmanagement und Sammeln-bis-fertig-zum-Bauen-Prinzipien kommen hier auf Monate hinaus voll auf ihre Kosten.

Auch ich fand diesen Aspekt witzig, allerdings hat es mich jetzt auch nicht vom Hocker gehauen. Es fühlt sich unter Umständen wie eine weitere Verpflichtung im Spiel an, der man zwangsweise nachkommen muss. Hier hätte ich mir gewünscht, dass man auch den Einsamen Wolf mimen darf, den diese Aufbauerei eine alten Hut interessiert. Leider nein. Man muss zwingend ein Minimum an Aufwand investieren, entsprechend habe ich mich auch gefügt. Nett, aber nicht mehr.

Interessanter sind da schon die Möglichkeiten, welche der Schrott zur Modifikation der Waffen und Rüstungen bietet. Hier lohnt sich das Investieren von Zeit und Material in die häufig benutzten Donnerbüchsen.

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Generell ein Problem ist der ganze Müll, der Schrott, der überall rumliegt. Man könnte meinen, Bethesda will hier auch auf einen weiteren Aspekt der echten Welt hinweisen mit der katastrophalen Wegwerf-Mentalität. Zwecks Neuaufbau, Befestigung und Wiederbelebung der alten Ruinensiedlungen benötigt man haufenweise Material in aller Couleur. Nun lässt sich der ganze Schrott, den man nach Hause trägt, für diese Sache einsetzen – welche eine gute ist, notabene. Dazu muss das Zeug auch gar nicht erst sortiert oder zerlegt werden, das geht ganz von alleine. Zum Glück. Es nimmt schon so viel zu viel Platz weg im virtuellen Inventar, wenn man unterwegs ist. Wer keinen Bock hat, die ganze Bauerei mitzumachen, darf gerne den Schrott auch via Kanone zur Bekämpfung von Feinden einsetzen, das macht eh mehr Spass.

Öde Ödlande

Die Grafik von Fallout 4 ist nicht auf der Höhe der Zeit. Punkt aus. Das ist sehr Schade, denn eine etwas feinere Klinge hätte dem Titel auf Jahre hinaus die Lorbeeren eines quasi perfekten Spiels gesichert. So wirkt vieles leider hakelig und angestaubt, eckig und unfertig. Die Creation Engine, welche für Skyrim neu entwickelt worden ist, kommt jetzt nicht schlecht daher, aber eben gemessen an heutigen Massstäben auch nicht besonders gut.

Da erstaunt es doch sehr, dass die Ladezeiten hart an der Grenze zum Schmerz rumschwirren und man wie 1998 darauf warten muss, dass der Raum geladen wird, wenn man ein Haus betritt. Das geht heute einfach nicht mehr. Spätestens seit The Witcher 3 erwartet man einfach etwas mehr Schmackes im Getriebe einer Gameengine, auch wenn es sich um Open World handelt.

Das soll nicht heissen, dass die Welt stets unschön aussieht. Je nach Wetter und Tageszeit wirkt das Ganze gar nicht so übel. Morgenstimmungen, Nebel und Dämmerlicht schauen toll aus, und manche Innenräume sind richtig flott zurechtgemacht mit Lichteffekten und Schattenspielen.

Und dann wären da noch die Bugs.

Die Bugs nerven.

Code-Käfer gibts wahrlich genug, und auffälligerweise häufiger als beim Release von Skyrim: Gezappel, ungewolltes Hängenbleiben in der Landschaft, durchlässige Wände aus virtuellem Beton, merkwürdig agierende Verbündete oder Gegner, Fehler in der KI – der Song ist nicht neu. Rückwärts fliegende Drachen kennen wir ja auch schon. Schade halt wenn es innerhalb von vier Jahren nicht möglich ist, das Verhalten der Begleiter wie Dogmeat, Hausrobotern oder Steppenkriegern besser zu integrieren, damit diese nicht ständig im Weg stehen. Oder mitten ins Gefecht rennen, um schön brav zu sterben.

Gut zu wissen

Damit ihr euch nicht gleich vollends verirrt, habe ich hier ein paar interessante Fakten für Neueinsteiger zusammengestellt:

  • Eine der besten Waffen gibts gleich zu Beginn des Spiels. Ihr müsste allerdings erst Dogmeat, den Hund von der Tankstelle, mit zurück in die Vault 111 bringen. Im verschlossenen Waffenschrank im Büro des Oberaufsehers befindet sich eine Freezer Gun. Da einfach in der Nähe dem Hundchen befehlen, dass er was Nützliches suchen soll, und schon holt er die Knarre aus dem Schrankl. Lustig. Und wohl ein Bug. Aber solang er noch besteht, sollte man dies ausnutzen.

  • Sobald man den Pipboy habt, sollte die Farbe auf Weiss gestellt werden fürs Display. Das kann man in den Einstellungen bewerkstelligen. Grün ist zwar kultig, aber nervt auf Dauer.

  • Die beste Rüstung im Spiel findet man in einem verlassenen mintfarbenen Gebäude östlich der Diamond City, welches aussen die Bezeichnung «Court 35» trägt (in der Nähe des Zollhausturmes – Custom House Tower). Achtung: Erst ab Level 25 oder höher hingehen, da sonst die Rüstung gemäss eurem Level spawnt und entsprechend nicht X01 dabei rauskommt. Hier der Leitfaden dazu:

Fazit

Hoffentlich baut Bethesda für das nächste Elder Scrolls-Game eine neue Engine. Und ja, bitte bald her damit! Was bei Skyrim vor vier Jahren noch sehr geschmeidig aussah, kommt heute selbst in höherer Auflösung ziemlich blechig und dünn daher. Das betrifft sowohl die relativ holprigen Controls, als auch insbesondere die Grafik. Mit diesem alten Eisen gewinnt man keine Meisterschaft mehr, soviel steht fest.

Die Frage ist allerdings, ob die Grafik dermassen wichtig ist für einen Openworld-Titel. Ich finde: Ja, aber nicht entscheidend. The Witcher 3 hat klar gezeigt, dass auch Sandbox visuell fantastisch auftrumpfen kann – hier ist Bethesda sicherlich für die Zukunft gefordert.

Was den Rest der Spielelemente angeht, so gibt es kaum etwas auszusetzen. Sowohl Story, Charakteren, Spieloptionen, Minigames und Mikromanagement sind erste Sahne und dürften den geneigten Action-RPG-Gamer für Wochen an den Screen fesseln. Mich persönlich vermochte Fallout 3 und natürlich vor allem Skyrim stärker zu fesseln, aber das mag Geschmackssache sein.

Eine Vollversion wurde uns freundlicherweise von Softridge zu Testzwecken zur Verfügung gestellt. Getestet haben wir die Ausgabe für PS4.


judgementbox
Fallout 4
Positiv

Tolle Hauptstory, interessante Quests in Hülle und Fülle, spannende Ausbau- und Mikromanagement-Bereiche, viele Items, tonnenweise Eigenbau- und Umbau-Möglichkeiten an Waffen und Rüstungen, glaubwürdige NPCs, schöner Soundtrack, coole Charaktergenerierung

Negativ

Relativ viele Bugs für eine Marktversion – sogar für Bethesda-Verhältnisse – da war Skyrim wesentlich sauberer gebaut, veraltete Technik, Grafik kein Renner, Ladezeiten grenzen an den ganz grossen Schmerz, zuviel verschiedener Müll zum Sortieren, Schwierigkeitsgrad ziemlich saftig auf Normal und höher

Alleine spielen: Sehr gut!
Mit Freunden auf dem Sofa spielen: Gibt's nicht.
Mit Freunden im Internet spielen: Gibt's nicht.
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