UNCHARTED 3 - DRAKE'S DECEPTION
Testbericht | PS3

Uncharted 3 - Drake's Deception gold_medium

vor 5 Jahren von DN, Aktualisiert: vor 5 Jahren

Bereits vor zwei Jahren übertrafen sich die Gamekritiker weltweit – wir können uns da nicht ganz ausnehmen – mit Lobeshymnen zu Naughty Dogs Meisterwerk «Among Thieves». Nun steht der dritte Teil von Nathan Drake's Abenteuern in den Verkaufsregalen. Bevor ich in den Artikel einsteige, möchte ich eine Frage voranstellen: Wieviele Superlative verträgt ein Gametest? Ich habe versucht, mich etwas zu beschränken. Ganz einfach ist das bei einem Spiel wie dem hier vorliegenden allerdings nicht.


Nathan auf den Spuren von Lawrence Of Arabia

Der legendäre englische Kommandeur Thomas Edward Lawrence, welcher vor dem ersten Weltkrieg grosse arabische Stämme einte im Kampf gegen die Osmanen und später in England seine Memoiren aus dem Gedächtnis verfasste, bildet die eigentliche Grundlage von Uncharted 3. Und zwar mit einem Zitat: «The dreamers of the day are dangerous men, for they may act their dream with open eyes, and make it possible.» ([…] die Träumer des Tages sind gefährliche Männer, denn sie könnten ihren Traum mit offenen Augen verfolgen und ihn möglich machen.)

Gemeint hat er damit wohl mitunter sich selbst, denn sein Einsatz und Einfluss zu Zeiten der letzten Kolonialkriege des britischen Empires im Nahen Osten war beispiellos, obwohl praktisch aus dem Nichts erschaffen. In den neusten Abenteuern von Nathan Drake spielt dann aber dessen altbekannter Vorfahr Sir Francis Drake die grössere Rolle als der britische Feldherr und Geheimagent aus dem 20. Jahrhundert.

Agent seiner Majestät soll aber auch der gute alte Francis gewesen sein. Was genau er im Auftrag der Queen im Nahen Osten verloren hatte (oder eben nicht verloren hatte) müsst ihr aber schon selbst herausfinden. Es geht um das «Atlantis der Wüste», die legendäre verlorene Stadt von Ubar, dem «Iram der Säulen». Dieser geheimnisumwobene Ort liegt nach Recherchen Drake's zu schliessen in der Wüste Rub al-Chali in Südarabien.

Screenshot

Der Bogen der Story, welche vier Jahre nach dem Original-Uncharted spielt, ist clever gespannt, und die Geschichte gewinnt mit zunehmender Dauer an Fahrt. Der Einstieg erinnert wiederum mehr an James Bond als an Indiana Jones und Konsorten, allerdings birgt das Geschehen so manche Überraschung. Eine davon gleich zu Beginn, als wir die Vergangenheit und den Ursprung einer speziellen Freundschaft erkunden, welche für das Spiel eine zentrale Rolle spielt. Chappeau, Naughty Dog. Das habe ich der Art nun wirklich nicht erwartet, hat mir gut gefallen. Oder wie es Victor Sullivan auszudrücken pflegt: «Abra goddam kadabra.» Danke, Sully.

Die Reise führt Nate, seinen besten Kumpel und seine anderen temporären Mitstreiter(innen) an abwechslungsreiche Orte und ist über das Ganze gesehen explosiver gemischt als die früheren Uncharted-Games. Nicht alle Abschnitte sind gleich unterhaltsam. Eine Tatsache sticht jedoch ganz klar hervor: Manche Kapitel sind in Sachen Attraktivität und bombastischen Effekten so bald nicht zu übertreffen. Wer hat schonmal erlebt, in einem abstürzenden Flugzeug in eine wilde Schiesserei verstrickt zu werden, während die Fracht verrückt spielt durch die Turbulenzen und der Vogel langsam auseinanderbricht? Oder wie wärs mit einem alten Ballsaal mit Glasdach auf einem zweckentfremdeten Kreuzfahrtschiff, das plötzlich wie ein gigantisches Aquarium anmutet durch das Kentern des Kahns? Was Design, künstlerische Arbeit und Inszenierung angeht, hat Naughty Dog über die ganze Gameindustrie gesehen die Nase ziemlich weit vor allen anderen.

Mit Schwung zu mächten Hieben

Das Grundprinzip von Zwischensequenzen, Schiesseinlagen, Kletterparcours, einigen Rätseln und lockerem Auskundschaften wurde nicht gross verändert, aber anders gewichtet. Einige Rätsel mehr machen Uncharted 3 etwas weniger actionlastig, aber das wird nicht allen gefallen. Einen grossen Negativpunkt gibt es allerdings zu vermelden: die pflichtmässigen Prügeleinlagen. Dieser Aspekt dürfte ein Stück weit ebenfalls in die Sparte «Geschmackssache» fallen, mir kam das Zwangsgehämmere eher ungelegen. An manchen Stellen springen einem die kampflustigen Gegner, öfters in XXL-Format, mitten ins Gesicht. Das hätte es von mir aus gesehen nicht gebraucht, denn so überaus berauschend ist das Faustkampf-System nun auch wieder nicht. Es ist witzig, in engen Kampfsituationen auch mal zur Faust zu greifen statt ständig zu ballern, aber mehr als eine Zugabe kann und sollte das nicht sein.

Einen weiteren merkwürdigen Gesichtspunkt stellen die manchmal wie aus heiterem Himmel auftauchenden gepanzerten Gegner dar. Diese marschieren zwar auch von irgendwo daher, aber gerade in erstmalig durchgespielten Szenen kommt es einem manchmal vor, als hätte euch jemand die mühsam zu bekämpfenden Gesellen direkt vor die Nase gestellt. Hier hätte etwas mehr künstliche Intelligenz und etwas weniger geballte Feuerkraft gut getan. Gesamthaft gesehen war das in Teil 2 etwas ordentlicher gelöst.

Einige Szenen konnten wir bereits vor ein paar Wochen im Rahmen des Preview-Events anspielen, den Artikel und ein paar Videos dazu findet ihr hier »

Ansonsten spielt in Uncharted 3 die bewährte Formel: Spassige Dialoge von höchster Qualität, gemischt mit satter Action und flotter Situationskomik, gewürzt mit einigen Akrobatikeinlagen und einer bombastischen Präsentation in Bild und Ton.

Kampf der Elemente

Wenn wir gerade von der Aufmachung sprechen, so kommt man sicherlich nicht umhin, in höchsten Laudatios und Lobes-Stürmen von der schieren Perfektion zu sprechen, die Naughty Dog uns hier in Sachen Artwork, Grafik und Sound serviert. Dieses Spiel muss man einfach gespielt haben, um zu glauben was man sieht. Oder so.

Auffallend sind die extensiven Umsetzungen von den Elementen Feuer, Wasser, Erde und Luft. Ein gigantischer Brand, wo Nate sich mittendrin befindet. Gewaltige Wassermassen, welche hinter ihm durch Schiffsgänge donnern. Der sanfte Sandboden der tödlichen Wüste. Schiessereien in Sandstürmen. Hektischer Kampf im Bauch eines auseinanderfallenden Frachtflugzeuges in luftigen Höhen. Schiessereien unter dem Einfluss bewusstseinsverändernder Drogen mit nachhaltig negativem Effekt.

Begleitet wird das Geschehen wie eh und je mit einem Soundtrack, der die meisten Bruckheimer- und sonstigen Hollywood-Schinken vor Neid erblassen lässt. Kaum steht das erste Mal das Startmenü auf dem Screen, fühlt man sich zuhause. Die Titelmelodie, erneut fein angepasst auf das arabische Flair, ist ein Hochgenuss par exellence.

Hier ein paar Impressionen der Grafik:

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Teambasiertes Schatzsuchen

Neben dem hervorragenden Singleplayer-Abenteuer bietet Uncharted 3 einen ausgebauten Online-Multiplayer an, der mit vielen Items und motivierendem Punktesystem aufwartet. Gemessen an der geballten Multiplayer-Konkurrenz mit den Festungen Battlefield 3 oder Modern Warfare 3 kann man sich fragen, wen genau Naugty Dog mit den Online-Battles vor dem Ofen hervorlocken will. Ich gehe davon aus, dass viele Public-Beta-Spieler vor allem deswegen mitgemacht haben, weil sie einfach kaum den Release von Nate's neusten Abenteuern erwarten konnten. So gesehen ist der eigentlich grundsolide Multiplayer eher verlorene Liebesmühe.

Anders sieht es mit dem überaus genialen Online-Kooperativmodus aus, der mit zwei Freunden im Rucksack für wochenlange Unterhaltung sorgen kann. Auch der neu eingebaute Splitscreen-Modus sorgt für Freude unter Freunden, so dürfen nun die Kooperativ-Missionen, welche sich an die Settings der Singleplayer-Kampagne anlehnen, auch Offline auf der Couch gemeinsam durchgekämpft werden. Big up!

Fazit

Uncharted 3 ist nicht unbedingt besser als Teil 2. Das ist objektiv gesehen praktisch unmöglich. Aber es ist – soviel sei vorweg gesagt – einfallsreicher, imposanter und bunter als der Vorgänger.

Ich persönlich fand die Story und das Setting von Uncharted 3 eine Spur weniger spannend als Teil 2. Among Thieves hatte eine sehr geradlinige, höchst spannende Story mit grossem Sog. Uncharted 3 erzählt hingegen mehr über Freundschaften und persönliche Erfahrungen der Hauptfiguren, als dass das Ziel der neusten Schatzsuche den absoluten Mittelpunkt darstellen würde.

Das ist jedoch Kritik auf sehr hohem Niveau und mitunter eine Frage des Geschmackes. Was das ganze Artwork und Design angeht, sowie das Spielerlebnis als solches, stellt Uncharted 3 alles bisher auf Konsolen Dagewesene in den Schatten, inklusive den Vorgänger. Mehr als eine Spielszene hätte das Zeug zum Award für den packendsten und temporeichsten Abschnitt in der Geschichte der Videogames ever.

Uncharted 3 überzeugt mit den ganzen Multiplayeroptionen und besonders mit dem exzellenten Kooperativ-Modus auch als Gesamtpaket. Viel mehr kann man von einem Action-Adventure nicht mehr verlangen. Wir sind jetzt schon gespannt auf Naughty Dog's nächsten Streich – vielleicht erst auf der PlayStation 4? Wer weiss.

Wir bedanken uns bei Sony Computer Entertainment Schweiz für die freundliche Bereitstellung einer Vollversion zu Testzwecken.


judgementbox
Uncharted 3 - Drake's Deception
gold_medium
Positiv

Brillante Optik, fantastische Dialoge, humorvolle Inszenierung mit brenzliger Dramatik, Feel-Good-Gaming, knackige Action, liebenswürdige Figuren, spannende Story mit vielen Wendungen und Überraschungen, riesiges Game-Paket mit viel Wiederspielwert,

Negativ

Pflichtprügeleien können nerven, manchmal tauchen schwer gepanzerte Gegner unmittelbar in der Nähe auf, wenige Stellen bieten zuwenig Orientierung und verlangen nach Erledigen aller Gegner fürs Weiterkommen, arena-artige Situationen bereichern das Spiel nicht immer

Alleine spielen: Sehr gut!
Mit Freunden auf dem Sofa spielen: Sehr gut!
Mit Freunden im Internet spielen: Sehr gut!
Du kannst DN, den Autor dieses Beitrags, über seine Kontakt-Seite erreichen.


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Uncharted 3 - Drake's Deception
Erhältlich für PlayStation 3
Von Naughty Dog (Developer), Sony (Publisher)