CALL OF JUAREZ: THE CARTEL
Testbericht | PS3 | PC | Xbox 360

Call Of Juarez: The Cartel

vor 5 Jahren von DN, Aktualisiert: vor 4 Jahren

Das erste Juarez-Actiongame erschien 2007 mit dem Wilden Westen als Setting und traf den Nagel noch nicht ganz auf den Kopf. Der Quasi-Teil-2 mit dem Zusatz «Bound In Blood» war unterhaltsamer. So richtig vom Hocker gerissen hat – mich zumindest – das Western-Geballere mit den beiden Pistolero-Brüdern aber auch nicht. Mit dem neusten Eintrag in die Franchise versucht sich Techland in einer Mixtur aus FBI-Thriller, Western-Gehabe und Call Of Duty zusammenzupanschen. Dieses Vorhaben ist leider gründlich misslungen.


Eine Jagd jagt die andere

Du sitzt in einem Auto und jagst über den Highway. Aus dem Fenster lehnend beharkst du irgendwelche Autos voller Angreifer, die aus allen Rohren ballern. Die erste Szene des Spiels setzt «in media res» ein – also mitten in der Geschichte. Ein bekanntes und leider auch etwas abgedroschenes Film-Stilmittel. Und Schwupp – endet diese kurze Sequenz auch schon.

Drei Wochen vorher.

In Los Angeles detoniert eine Bombe bisher ungeahnten Ausmasses. Bald stellt sich heraus, dass ein aufsteigendes Drogenkartell aus Juarez, Mexiko, hinter dem Anschlag auf die Drug Enforcement Agency (kurz DEA, die staatliche US-Drogenbekämpfungs-Behörde) steckt. Juan Mendoza und seine schweren Jungs hatten nicht genug mit Waffenschmuggel im grossen Stil und dem blühenden Drogenhandel. Sie wollten den Anstrengungen der amerikanischen Drogenbehörde ein endgültiges Ende setzen, und haben kurzerhand einen Terroranschlag auf US-Territorium verübt. Das kann der Präsident natürlich nicht auf sich sitzen lassen und mobilisiert die Armee. Es sei denn, die extra einberufene Task Force kann das Problem ohne einen Krieg lösen.

Soweit so gut.

Die Grundidee des Settings hätte eigentlich einen gewissen Reiz, und ist auch ausreichend neu. Ausserdem kann sowas durchaus irgendwann passieren, falls in Mexiko die durch und durch korrupte Regierung bis hinunter zu den Lokalpolitikern nicht bald handfeste Mittel und Wege gegen die Drogen-Gangster findet.

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Agent Evans lugt um die Ecke, Agent Guerra geht in Startposition und McCall telefoniert mit Mama.

Bloss macht das Setting nicht das Spiel. Und letzteres hätte sogar eine Chance auf vernünftige Qualität, wäre da nicht die hanebüchene Besetzung. Die Einzelspieler-Kampagne des neusten COJ-Spiels bestreitet ihr wahlweise entweder als Cowboy-Verschnitt des L.A. Police Departments – Detective Benjamin McCall (der in einer solchen TF eigentlich eh nichts verloren hätte) –, als Drogenbehörden-Held Eddie Guerra oder als FBI-Superfrau Evans. Jede Figur bietet ein leicht anderes Ende, bloss interessiert das wohl kaum jemanden so richtig. Die drei Hauptfiguren sind leider total überzeichnete und unglaubwürdige Karikaturen ihrer selbst. Dies wird gleich zu Beginn des Spiels dermassen offensichtlich, dass eine weitere Identifikation mit ihrem Schicksal und dem Verlauf der Story quasi unmöglich wird.

Nehmen wir Miss Kimberley Evans als Beispiel. Ihre Einleitungssequenz beinhaltet eine Razzia des DEA, wo sie als FBI-Agentin ihren Bruder rausholt, der zu den Verhafteten zählt, und ihn einfach gehen lässt. Natürlich entbehrt so etwas jeglicher halbwegs glaubwürdiger Grundlage. Und das wäre an sich auch kein Problem, würden sich die Aufmachung und das Setting des Spiels selbst nicht dermassen ernst nehmen.

Call Of Juty, äh Duty, ehr... Juarez

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Was das Gameplay angeht, erinnert die Schiessbuden-Haftigkeit von The Cartel ein wenig an Call Of Duty der ganz alten Tage. An sich wäre dies nicht weiter ein Problem, hätte Techland den grossen Bruder wenigstens ausreichend gut kopiert. So bleibt eine einigermassen zeitgemässe Aufmachung gepaart mit vielen pappedummen Gegnern und an den Haaren herbeigezogenen Schauplätzen.

Leider kann COJ auch in Sachen Gefechte nicht überzeugen. Die Levels und Gegnertypen sind zu repetitiv, die Controls kaum handfest, die KI weit weg von ernstzunehmen, die Bullet-Time hundertmal gesehen, und der Spielverlauf schlichtweg zuwenig reizvoll.

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Die Konkurrenz in der Shooterbranche ist in jedem Aspekt schon fast Lichtjahre voraus. Es gibt für jede Kleinigkeit, die COJ versucht, eine bessere Option auf dem Markt. Wer ironisch gefärbte übertriebene Ballereien mit lauthalsen Sprücheklopfern sucht, wähle Bulletstorm. Wer kernige Action mit toller Optik sucht, spiele Killzone 3. Wer mit einem Team taktisch vorgehen und mit haufenweise Ausrüstung experimentieren möchte, wechsle auf 3rd-Person-Perspektive und wähle Socom Special Forces oder Ghost Recon Advanced Warfighter 2. Wer pseudorealistische Soldatenaction sucht, wähle Call Of Duty: Modern Warfare 1 (unserer Meinung nach wesentlich packender als MW 2 oder Black Ops) – oder noch besser Battlefield - Bad Company 2. Und wer Wild-West-Action spielen möchte, sollte sich den Vorgänger vom hier vorliegenden Titel holen – Bound In Blood.

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Was den Online-Multiplayer-Modus für das Spiel gegen andere Spieler angeht, so belassen wir es hier mit einer Notiz «nicht die Rede wert». Denn leider können die Onlinegefechte noch wesentlich weniger als die Single-Player-Ballerei.

Interessanter ist wenn schon der Online-Koop-Modus. Nein. Wäre. Denn es ist nicht möglich, bei einem Freund in Level 4 einzusteigen, wenn man selbst erst Level 2 bewältigt hat. Hallo Techland? Was in aller Welt hat euch zu solchen Design-Entscheidungen bewegt? Es bleibt einem also nichts anderes übrig, als allenfalls dieselben Levels halt noch und nöcher zu spielen.

Hübsche Spielwelt mit einigen Rissen

In Sachen Präsentation müsste sich das neuste Kindchen aus dem Hause Techland nicht verstecken, wäre da nicht die ungenügende Framerate und so mancher Grafikfehler. Partikelanimationen führen zu pixligen Objekten, manche Passage lässte das Spiel zu einer Diashow verkommen. An sich hätte die Engine ein paar hübsche Ansichten zu bieten, aber diese werden einfach zu stark von technischen Fehlern angebröselt.

Die Schauplätze sind teilweise richtig hübsch, bzw. sie wären es, hätte Techland nicht diesen milchigen Fernsicht-Killer über alles drübergepflatscht.

Der Soundtrack ist ganz okay, die Schussgeräusche gut eingefangen und allgemein sind die Sounds im Spiel von durchwegs guter Qualität. Bis auf die Dialoge. Die deutschen Sprecher geben wohl jedem ansatzweise geneigten Spieler den Rest. Wer sich das Spiel antun möchte, wähle bitte den Originalton.

Fazit

Call Of Juarez: The Cartel genügt den Mindestanforderungen eines 2011 erscheinden Shooters nicht.

Der nahtlose Drop-In-Online-Koop-Modus für bis zu drei Spieler wäre an sich eine tolle Idee. Aber da befreundete Gamer mindestens gleich weit in der eigenen Single-Player-Kampagen vorangekommen sein müssen, um an der momentanen Stelle einsteigen zu können, macht das Ganze nicht viel Sinn. Auch hier stellt sich Techland gleich selbst ein Bein.

Wer Shooter mag, hat ein Dutzend andere Optionen. Als Gesamtpaket können wir deshalb The Cartel leider nicht empfehlen.

Wir bedanken uns bei Ubisoft für die freundliche Bereitstellung einer Vollversion zu Testzwecken. Getestet haben wir die Ausgabe für PlayStation 3.


judgementbox
Call Of Juarez: The Cartel
Positiv

Drop-In-Drop-Out Online Multiplayer für die Kampagne mit ein paar Einschränkungen, teilweise annehmbare Visuals

Negativ

Muss ich das wirklich alles nochmal aufzählen?

Alleine spielen: Vermeiden!
Mit Freunden auf dem Sofa spielen: Gibt's nicht.
Mit Freunden im Internet spielen: Vermeiden!
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Call Of Juarez: The Cartel
Erhältlich für PlayStation 3, Windows PC, Xbox 360
Von Techland (Developer), Ubisoft (Publisher)