CALL OF DUTY: MODERN WARFARE 3
Testbericht | PS3 | PC | Xbox 360

Call Of Duty: Modern Warfare 3

vor 5 Jahren von DN, Aktualisiert: vor 5 Jahren

Der dritte Teil der Trilogie soll die mitunter recht verwirrliche Geschichte um den Kampf gegen die russischen Ultra-Nationalisten und den drohenden Ausbruch des dritten Weltkriegs zu einem sinnvollen Ende bringen. Wärmt Infinity Ward alte Game-Resten in neuen Pfannen auf, oder lohnt sich der Kauf auch für Gelegenheitskämpfer ohne Online-Ambitionen?


Eine Welt in Flammen

Ein Titel aus der Call Of Duty-Franchise pünktlich zum Novemberbeginn ist seit Jahren so sicher wie das Amen in der Kirche. Etliche Ausgaben befassten sich seit der Premiere 2003 mit dem zweiten Weltkrieg, ehe 2007 der revolutionäre und genreprägende Teil 4 mit dem Zusatz «Modern Warfare» erschien. Die Vielfalt der spielbaren Einheiten und die legendäre Stealth-Mission in Prypjat nahe Tschernobyl, dazu der meistgespielte Online-Multiplayer-Modus aller Zeiten, bescherten Infinity Ward ewigen Actiongame-Ruhm. Danach gings leider wieder bergab, weder der Nachfolger Modern Warfare 2 noch das «Intermezzo» Black Ops konnten in Sachen Qualität und Originalität an die Brillanz von Modern Warfare 1 anknüpfen.

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Wir schreiben das Jahr 2011, und Call Of Duty hat mit der lange erwarteten Fortsetzung zu Battlefield mit der 3 auf der Packung einen schlagkräftigen Mitbewerber um die Weltherrschaft erhalten. Auch abseits der pseudorealen Militärschlachten gibt es neues Futter für die Shooterfans dieser Erde, beispielsweise von id Software mit dem postnuklearen Knaller RAGE.

Wenden wir uns also dem neusten Kindchen aus dem Hause Activision | Blizzard zu und schauen mal etwas genauer hin als sonst schon:

Die Story von Modern Warfare war seit je her ein eher verwirrliches Durcheinander von Spezialeinheiten, Kampfeinsätzen, einigen einprägsamen Figuren und vielen Terroristen. Deren Anführer wechselten ein paar Mal, ehe der Top-Bösewicht sich definitiv herauskristallisierte wie Caramel aus erhitztem Zucker. Makarov, oder besser gesagt, die Jagd nach ihm, spielt denn auch die zentrale Rolle im dritten und letzten Teil der MW-Reihe.

Auf der guten Seite kämpfen Amerikaner und ein paar vereinzelte Russen in unterschiedlichen Zusammensetzungen in Form von Spezialeinheiten gegen den Vormarsch der bösen Mächte. Price mit dem bekannten Hut und Bart, Soap, Sandman, Yuri, Nikolai – wir kennen die Herren bereits. Man könnte sogar sagen, wir mögen sie. Aber das wäre wohl ein bisschen übertrieben, gemocht haben wir vielleicht die lustige Truppe in Battlefield – Bad Company 2, denn die Typen waren wirklich witzig und charmant. Die «B-Company» des 222nd Army Battalions, Preston Marlowe, George Gordon Haggard, Terrence Sweetwater, Sergeant Samuel D. Redford. Echt coole Typen. Aber egal. Captain Price und die MW-Crew haben zumindest ein bisschen Unterhaltungswert, wenn auch nicht übermässig viel.

Das Gesamtsetting – oh Gähn, wie konnte ich das vergessen – setzt uns zum 476. Mal den Kampf Allierte gegen die Russen vor. Wenn auch aus dem Grund, weil ein Gruppe Ultranationalisten die Kontrolle über Russland übernommen hat und zum Krieg bläst – irgendwie hat man das einfach schon bis zum Überdruss gesehen. Wenn's zumindest mal die Chinesen wären. Oder ein paar böse US-Ultranationalisten? Das wäre immerhin halbwegs glaubwürdig. Und spannender, aber egal. Der Kalte Krieg ist bekanntlicherweise schon mehr als 20 Jahre vorbei, trotzdem scheint gewissen Autoren nichts besseres einzufallen.

Es geht also darum in Modern Warfare 3, Hunderte von russischen Soldaten und ein paar Dutzend Heerscharen afrikanischer Milizen zu erledigen, und irgendwann den Makarov umzunageln. Auf dem Weg sollen wir den russischen Präsidenten befreien, seine Tocher retten, und ein paar Sächelchen in die Luft jagen. Viel mehr lohnt sich über die Story nicht zu erzählen, sie ist nicht die Rede wert.

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Infinity Ward führt uns im Abschluss der Trilogie an alle möglichen Zentren der westlichen Welt. Und irgendwie ist das alles einfach ein bisschen zuviel des Guten. Zuviele aufgeblasene Settings, pathetisches Drama am Laufmeter. Dazu ein paar wirklich spannende und neue Ideen, welche viel Spass machen. Aber ob es nötig ist, die Hälfte des Spiels in New York City, London, Paris und Berlin rumzurennen, und dabei auch noch die Zerstörung des Eiffelturms präsentiert zu kriegen, stelle ich jetzt mal in Frage. Grundsätzlich wäre dagegen eigentlich nichts einzuwenden, wenn das Ganze für die Story irgend einen direkten Sinn machen würde. So sieht das alles sehr verdächtig nach Effekthascherei aus. Grösser, lauter, rasanter. Aber eben nicht besser.

Dazu kommt eine bestimmte Szene mit einer Handycam, deren Integration in ein Videogame, welches sich vorher und nachher einen Pieps um Tiefe schert, irgendwie einfach plump hingepampt wirkt. Ähnlich befremdlich wirken Szenen von ethnischen Säuberungen in Afrika oder die wahllose Hinrichtung von Gefangenen. Diese Details werden kaum erklärt, haben keinen direkten Zusammenhang mit der Geschichte und tragen nichts zum Spielerlebnis bei. Da kann man sich schon fragen, wieso diese unbedachte Darstellung von roher abscheulicher Gewalt nötig ist. In meinen Augen sind diese Szenen absolut geschmacklos.

Taktrate: 160 Gegner pro Minute

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Ich habe mitgezählt: In der einen Mission in Afrika habe ich in 8 Minuten 194 Gegner erledigt. Luftangriffe nicht mitgezählt. Das sagt einiges darüber aus, wie sich Call Of Duty spielt – wie eine bewegliche Schiessbude mit Dauerandrang an Zielen. Eine Art Baller-Kilbi. Ob man das mag, liegt natürlich im Ermessen des Betrachters. Auch die Linearität der Levels, welche kaum Raum für taktisches Vorgehen lassen, trägt zu diesem Spielgefühl bei. Modern Warfare 3 scheint diesen Aspekt jedoch ebenfalls auf die Spitze treiben zu wollen, manche Spielszene wirkt aufgrund dessen schon fast absurd. Da stehen 15 russische Soldaten in einer Reihe und rennen direkt auf uns zu. Fantastisch. Mit einem Gefecht, welches auch nur annähernd irgendeine Art von Glaubwürdigkeit rüberbringen soll, hat das auf jeden Fall nichts zu tun.

MW3 hat aber auch seine starken Momente. Viele Missionen wollen mit Masse statt Klasse unterhalten, es gibt sie aber trotz allem auch, die genialen COD-Ideen. Der Abschnitt unter Wasser kann überzeugen, das zerschossene Berlin hat auch etwas für sich, insbesondere im späteren Verlauf. Oder das eine Level hoch oben am Himmel, mehr möchte ich nicht verraten. Ein Jet kann zu einem gefährlichen Ort werden für einen Präsidenten, nur soviel sei gesagt.

Viele Missionen bestehen darin, zu Fuss einem bestimmten Herrn zu folgen. Oftmals ist das Captain Price, in dessen Springerstiefel man im Verlauf des Spiels ebenfalls schlüpfen darf, ab und zu auch Soap oder sonst jemand. Spannend wird es meist dann, wenn sich Fahrzeug- oder Flugartillerie-Sequenzen mit Infanteriegefechten fliessend abwechseln. Der Beschuss von Gegnern mit einer Angriffsdrohne mitten im Gefecht hat definitiv etwas für sich.

Die Waffen in MW3 fühlen sich ein wenig wie Kunststoff an, was umso deutlicher wird wenn man mal kurz bei der Konkurrenz vergleich-spielt. Das alles wäre allerdings zu verschmerzen, gäbe es nicht diese schon fast penetrante Unfähigkeit der eigenen Mitstreiter und der Gegner. In einem Satz: Die KI in MW3 ist strunzdumm. Ich kann es leider nicht anders sagen. Auch andere Shooter können sich nicht gerade damit brüsten, toll funktionierende Gegner zu haben, MW3 schiesst aber diesbezüglich den Vogel ab. Natürlich können sich Bots in offneren Levels eher mit Cleverness profilieren, als in Strassenschluchten und engmaschigen Ruinen. Aber es kann ja nicht sein, dass die einzige Chance der Gegner darin besteht, zu viert auf den Spieler zu ballern. Flankiert man selbst die Gegner auch nur ansatzweise, fallen sie wie die Fliegen und schaffen es keineswegs, sich neu zu formieren.

Ein paar Jahre auf dem Buckel

Die Macher von Modern Warfare 3 haben sich viel Mühe gegeben, aus dem alten Motor nochmals ein paar PS mehr rauszukitzeln. Trotzdem merkt man dem Vehikel an jeder Ecke das Alter an. Matschige Texturen, unscharfe Hintergründe weit weg am Horizont, kaum zerstörbare Objekte ausser Vasen und Autos, Charakter-Animationen wie vor vier Jahren. Wirklich augenscheinlich wird es bei manchen Effekten wie dem Regen, der von der Seite gleich ausschaut wie wenn man nach oben schaut. Mäh! Seitwärts runterfallende Tropfen?

Auch der Sound kann nicht überzeugen, zumindest was die Kernigkeit der Schussgeräusche und Explosionen angeht, insbesondere der Granaten. Der Soundtrack hingegen muss sich überhaupt nicht verstecken, da steckt Power dahinter.

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Einige Szenen, wie die Ansicht von Downtown Manhattan in New York City oder die Tauchmission, sehen leider im Spiel nicht ganz so gut aus, wie auf diesen Screenshots. Das alles ist Kritik auf hohem Niveau, gemessen am Hype und am Erfolg der Serie sind allerdings auch die Erwartungen gestiegen. Mir persönlich reicht diese Art aufgekochte Letztjahresware einfach nicht.

Wo Modern Warfare 3 punkten kann, ist die Aufmachung der Missionsbriefings. Diese fand ich sehr ansprechend, auch manche Set-Pieces wie einstürzende Häuser oder Bombardements im Hintergrund des Geschehens vermögen zu überzeugen.

Gewohnt perfekter Multiplayer

Soweit es die Zeit bis zu diesem Zeitpunkt zuliess, gab es naturgemäss auch die Multiplayer-Optionen eingehend auszuloten – das eigentliche Filetstück des Spiels. Wer die Vorgänger von Modern Warfare 3 online gespielt hat, weiss, was man erwarten darf. Die Battles gegen andere über das Netz auf Call Of Duty-Servern sind eine Klasse für sich. Sofern man das ultraschnelle Bewegen und das gewichtlose Feeling mag. Ich persönlich bevorzuge Games mit etwas mehr Schwere, etwas mehr Fleisch am Knochen. Aber objektiv gesehen ist Modern Warfare 3 zusammen mit Battlefield 3 sicherlich das Beste, was es je als kompetitiven Online-Kampf zu spielen gab.

Die neue Variante von Death Match mit dem Aufsammeln der Dog-Tags ist eine gelungene Neuerung, die mir speziell aufgefallen ist. Sie schaut auf den ersten Blick simpel aus, stellt sich aber als komplett andere Spielbarkeit heraus. Camping ist quasi unmöglich, wenn man sich jeweils die «Belohnung» für jeden Abschuss holen muss.

Neu ist auch die ELITE-Plattform, wo sich die besonders angefressenen Online-Kämpfer gegenseitig Videos präsentieren, Statistiken checken, Waffenupgrades bestaunen, und Clans sich austauschen können. Momentan ist der Service allerdings noch etwas absturzanfällig, was wahrscheinlich auf eine gewisse Überlastung zurückzuführen ist.

Auch die kooperativen Spielmodi haben Zuwachs erhalten. Der Spec-Ops-Teil mit den Missionen für Spieler plus Kumpel bietet reichlich Unterhaltung für mehrere Wochen. Neu gibt es auch eine Art Horde-Mode, wo man mit nur marginaler Ausrüstung startet und sich Waffen und Geld von Gegnern erobern muss, um später mehr Ausrüstung und bessere Waffen zu erhalten. Tolle Idee, geniale Umsetzung.

Fazit

Wer sich Modern Warfare 3 wegen der Kampagne kaufen will, und nur ab und zu online spielt, dem sei hier zu einer reiflichen Überlegung geraten. Die Story ist reichlich dröge, die Grafik-Engine zu alt, das Schiessbudengameplay zu gestrig und das ganze aufgebröselte «Wir-sprengen-die-Metropolen-dieser-Welt-in-die-Luft» ist für meinen Geschmack einfach zuwenig Butter auf zuviel Brot – um es einmal mit den Worten von Bilbo Baggins auszudrücken.

Die beiden grossen Militär-Shooter dieses Jahres zeigen ein wenig die Grenzen des Genres auf – zumindest in dieser Konsolengeneration. Irgendwann haben wir von Elitetauchern über Fallschirmjäger zu F/A 18-Bordschützen einfach alles schonmal gesehen, geschweige denn Dutzende Stunden Infanteriekampf. Interessant wäre doch mal etwas mehr über den Überlebenskampf an der Front zu erfahren, etwas tiefere Charaktere kennenzulernen und allgemein etwas weniger dämliche Weichzeichnungen von Cliché-überfüllten bewaffneten Konflikten konsumieren zu müssen.

Spannender wird es auch aus technischer Sicht dann wieder, wenn in Sachen künstliche Intelligenz ein Sprung nach vorn passiert. Und zwar vor allem was die Mitstreiter angeht – aber auch die Gegner. Liebe Entwickler von Uniform-Ballereien: Bringt doch den lieben Bots ein paar Kunststücke bei wie das Flankieren, sich gegenseitig Feuerschutz geben (oder dem Spieler, und zwar ohne Script), clevere Infiltrationsmanöver und ein bisschen mehr Beweglichkeit à la RAGE. Guerrilla Games hat KI-Bots mit Skills übrigens auch schon demonstriert, aber Killzone gehört nunmal nicht wirklich in dieselbe Abteilung wie die Battlefields und Modern Warfares dieser Videogame-Ära.

Was den Multiplayer-Kampf angeht, so scheint Infinity Ward die nahezu ultimative Spassformel gefunden zu haben. Hunderte von Optionen, diverse Spielmodi, haufenweise Maps, keine Wünsche offen. Ein grosses Highlight von Modern Warfare 3 ist sicherlich der Online-Kooperativmodus. Aber auch in dieser Hinsicht geht mir persönlich Modern Warfare ein wenig zu sehr in die Richtung Leichtgewicht. Battlefield 3 bietet im Onlinegefecht kooperativ wie auch kompetitiv etwas mehr spürbare Substanz, kommt dafür mit ein paar kurz mal herkommandierten Luftangriffen und sonstigen Gimmicks weniger aus. Was Onlinegefechte angeht gilt bei BF3 vs. MW3 ganz klar: Beide toll, im Endeffekt also Geschmackssache.

judgementbox
Call Of Duty - Modern Warfare 3
Positiv

Rasante Inszenierung, abwechslungsreiche Singleplayermissionen, stimmiger Soundtrack mit dramatischer Untermalung des Spielgeschehens, packende Kooperativ-Onlinemodi, gewohnt explosiver und süchtigmachender Online-Multiplayer

Negativ

Grafikengine nicht mehr auf der Höhe der Zeit, Soundeffekte zuwenig Wumms, wenig Innovationen, gesamthaft ein wenig übertriebene Over-The-Top-Action zum Kaschieren der einen oder anderen Schwäche, phasenweise wirkt das Spiel im Storymodus wie eine Parodie seiner selbst, wenig glaubwürdige Dialoge und Handlung, Kampagne dauert nur 6 (!) Stunden auf normalem Schwierigkeitsgrad

Alleine spielen: Nur für Fans.
Mit Freunden auf dem Sofa spielen: Sehr gut!
Mit Freunden im Internet spielen: Sehr gut!
Du kannst DN, den Autor dieses Beitrags, über seine Kontakt-Seite erreichen.


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Call Of Duty - Modern Warfare 3
Erhältlich für PlayStation 3, Xbox 360
Von Activision | Blizzard (Publisher), Infinity Ward (Developer)