GRAN TURISMO 6
Testbericht | PS3

Gran Turismo 6

vor 2 Jahren von LKM, Aktualisiert: vor 2 Jahren

Mit Gran Turismo 6 probiert Sony das Gegenteil von Microsoft. Statt ein halbbatziges Autorennspiel zum Launch der neuen Konsole rauszubringen (siehe Forza 5), bringt Sony eines der komplettesten Rennspiele aller Zeiten für die "alte" Konsole. Und beweist damit, dass man die PS3 doch noch nicht im Keller versorgen sollte.

Features

GT6 ist vermutlich eines der komplettesten Autorennspiele auf dem Markt. Das Spiel bietet 37 verschiedene Strecken (meistens mit mehreren möglichen Konfigurationen), 1200 verschiedene Autos, Wetter- und Tageszeit-Simulation, und sogar eine Himmels-Simulation, welche Sternenkonstellationen korrekt darstellt.

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Die Autos sind alle liebevoll modelliert und extrem detailliert dargestellt. Das selbe kann man von den Rennstrecken leider nicht behaupten. Hier zeigt sich am deutlichsten, dass die PS3 unterdessen doch schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat. Das ist auch der Bereich, in dem Forza 5 einen klaren Vorteil bietet. Wàhrend in Forza Grashalme am Streckenrand einzeln gerendert werden, sehen in GT6 selbst die Gebäude aus, als ob sie aus einer einstelligen Polygon-Anzahl gebaut worden wären.

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Dazu kommt, dass die Framerate trotz nicht überwältigender Grafik nicht immer vollkommen stabil ist.

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Simulation oder Arcade?

GT6 wandert auf einem engen Grat zwischen Simulation und Arcade-Racer. Das Spiel sollte für normale Konsolen-Gamer zugänglich sein, gleichzeitig aber viel vom Tiefgang bieten, welchen echte Simluations-Fans verlangen. Die Gratwanderung gelingt oft, aber nicht immer. Hier zwei Beispiele, wo's nicht ganz geklappt hat.

In den meisten Rennen gibt es keinen Penalty — weder einen Zeit-Penalty noch einen Schadens-Penalty — wenn man andere Autos berührt (übrigens auch nicht, wenn man Abkürzungen nimmt, solange man nicht zu weit von der eigentlichen Strecke weg fährt). Das führt dazu, dass die beste Taktik oft darauf hinausläuft, dass man die gegnerischen Autos als Leitplanken verwendet. Statt vor einer Kurve stark abzubremsen, bremst man nur leicht, und touchiert in der Kurve ein anderes Auto, um so trotzdem um die Ecke zu kommen. Das Spiel bestraft dies meist, indem man Traktion verliert. Mit ein bisschen Übung lässt sich das aber schnell ausgleichen. Hier ist die Balance zu stark in Richtung Arcade gegangen.

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Andererseits gibt's Bereiche, wo die Simulation etwas gar ernst genommen wird. So wird einem beim Tuning des Autos kaum geholfen, und wer nicht weiss, was er macht, produziert so schnell ungewollt Autos, welche absolut unfahrbar sind — beispielsweise, weil der Turbocharger für den gewählten Aufhängungssatz und Reifentyp einfach zu stark ist. Das ist besonders schade, wenn man gerade für viel Geld einen neuen Wagen in die Garage geholt hat, nur um das Ding dann unabsichtlich derart unbalanciert zu tunen, dass man damit kaum noch ein Rennen fahren kann.

Künstliche Fahrer-Intelligenz

GT ist traditionell für seine miesen KI-Fahrer bekannt, die teilweise einfach stur einer perfekten Rennlinie folgen und sich kaum um andere Autos auf der Strecke kümmern. Mit GT6 hat Polyphony Digital das Problem zwar nicht gelöst, die künstliche Intelligenz der Fahrer aber merkbar verbessert.

Das ist besonders offensichtlich, wenn man sich in einem Zweikampf mit einem anderen Fahrer befindet. Je nach Tempo versuchen die Gegner schon mal, entweder die Strecke zu blockieren, oder sie freiwillig freizugeben. Ist man etwa gleich stark wie das KI-Auto, kann es zu längeren Kämpfen kommen, in denen die Position mehrere male wechselt. Die KI-Fahrer nutzen jede Lücke aus, um zu überholen, fahren aber rücksichtsvoll genug, dass sie selten Crashes provozieren, falls man selber einigermassen gut fährt. Das macht echt Spass.

Andere Probleme mit den KI-Fahrer wurden aber nicht gelöst. So fahren die Gegner im Verlauf des Rennens inkonsistent. In den ersten Momenten eines Rennens machen sie enorm viel Boden gut, nur um dann später plötzlich viel langsamer zu werden. Vor allem Kurven nehmen die KI-Fahrer, die das Rennen führen, oft viel langsamer als nötig. Es scheint beinahe so, als ob sie darauf warten würden, dass man sie endlich wieder einholt.

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Wo wir bei den gegnerischen Fahrern sind: etwas, was mich an Spielen in diesem Genre immer ein bisschen stört, ist die automatische Auswahl der gegnerischen Fahrzeuge. Rennen sind meist für eine relativ grosse Bandbreite von Autos zugänglich. Damit die Rennen trotzdem fair sind, wählt GT6 automatisch Gegner aus, welche Autos fahren, die etwa ähnlich stark sind wie das eigene Auto. Wenn man also beispielsweise mit einem Mazda MX-5 ein Rennen startet, findet man oft einen Gegner mit einem Toyota MR2, weil sich diese beiden Autos sehr ähnlich sind.

Was ist das Problem daran? Na ja. Effekt von diesem System ist, dass es sich oft gar nicht lohnt, ein besseres Auto zu kaufen. Hat man in einem Rennen Mühe, und möchte dieses Problem beheben, indem man mit einem besseren Auto antritt, führt das nur dazu, dass alle Gegner auch bessere Autos bringen. Am Ende wird das Rennen sogar schwieriger, weil man es nun mit Autos fährt, die schwieriger zu kontrollieren sind.

In-Game Purchases

GT6 hat einen eingebauten Shop, bei dem man für echtes Geld Spiel-Inhalt kaufen kann. Aktuell gibt's im Shop noch nicht viel zu kaufen. Bloss Spielgeld, womit man Autos freischalten kann. Viel kann ich dazu also nicht sagen, bloss Folgendes: es ist extrem demotivierend, wenn man stundenlang GT6 spielt, superstolz auf sein Preisgeld ist (hmmmm... welchen Wagen kaufe ich mir mit meinen 120'000?), nur um dann einen Blick in den Shop zu werfen und zu sehen, dass man dort 500'000 für 6 Franken kaufen kann.

Und plötzlich ist man auf seine 120'000 nicht mehr so stolz, weil die laut Polyphony Digital gerade mal etwas mehr als einen Franken wert sind. Wow, ich habe stundenlang Rennen gewonnen, und das hat mir gerade mal einen Franken Preisgeld gebracht? Entschuldigt mich, wenn ich meine Karriere als Rennfahrer hier vorläufig mal pausiere.

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Dazu kommt, dass man im Spiel Geld eher langsam verdient (vor allem für ein Spiel, welches effektiv ein Pokémon für Autos ist — collect them all!). Hier fragt man sich, ob die Entwickler das absichtlich etwas frustrierend gemacht haben, um die Spieler dazu zu bringen, mit echtem Geld mehr Spielgeld zu kaufen.

Ladezeiten

Lange Ladezeiten sind auf der PS3 traditionell oft ein Problem. Mittlerweile haben wir uns wohl mehr oder weniger damit abgefunden. Bei GT6 sind die Ladezeiten aber oft besonders störend. Das Laden einer Rennstrecke kann schon mal 40 Sekunden dauern. Das ist äusserst nervig, wenn man eine neue Lizenz machen möchte, und die eigentliche Fahraufgabe nach all dieser Ladezeit dann nur ein paar Sekunden dauert. Bis man alle Aufgaben gelöst hat, hat man fünf oder sechs mal beinahe eine Minute gewartet, nur um danach ein paar Sekunden Auto zu fahren.

Sound

Wie in früheren Gran Turismos kann der Motorensound der Autos nicht vollkommen überzeugen. Die Geräusche sind zwar gut simuliert und reflektieren Motoren und Tuning, aber im Vergleich zu anderen Spielen — Forza 5 oder dem fantastischen Assetto Corsa beispielsweise — tönen sie eher nach Rasenmäher als nach Supercar-Boliden.

Die Musik ist derart uninspiriert, dass man sie nicht mal als "schlecht" bezeichnen kann. Sie ist, und sogar das nur knapp. Am besten ausschalten und durch eigenen Soundtrack ersetzen.

User Interface

Das User Interface wurde im Vergleich zu früheren Gran Turismos enorm verbessert, und das Navigieren durch's Spiel ist meistens relativ einfach geworden. Nicht perfekt, aber eine deutliche Verbesserung.

Zwei grosse Probleme hat das Interface aber:

  1. Nimmt man an einer Meisterschaft teil, so kann man kann nicht zwischen zwei Rennen kurz in die Garage, um das Auto mit neuen Teilen zu tunen.
  2. Es ist nicht möglich, für ein spezifisches Rennen alle im Shop erhältlichen Autos anzuzeigen, oder Autos beispielsweise nach Preis zu sortieren. So muss man mühsam durch alle Marken gehen, um alle für ein Rennen passenden Autos zu finden.

Fazit

GT6 ist das vermutlich kompletteste Auto-Simulationsspiel, welches aktuell erhältlich ist. Wer mit den Schwächen des Spiels leben kann — primär die nicht vollkommen überzeugende Umgebungsgrafik, und die teils etwas zu langen Wartezeiten — der wird kein anderes Spiel finden, welches mehr Auto-Simulation bietet als GT6.

Fairerweise muss man anmerken, dass die wenigsten Simulations-Rennspiele mit besonders fantastischer Grafik aufwarten können. Am Ende fühlt sich GT6 trotzdem ein bisschen wie ein Relikt aus einer früheren Zeit an. Vor fünf Jahren hätte dieses Spiel jeden aus den Socken gehauen. Heute ist es zwar noch gut, aber irgendwie halt doch nicht mehr ganz zeitgemäss.

Wir bedanken uns bei Sony für die freundliche Bereitstellung einer Vollversion zu Testzwecken.


judgementbox
Diverse
Positiv

Bessere Fahrer-KI, wunderschöne Automodelle, gute Auswahl an Autos, das aktuell vermutlich kompletteste Auto-Simulations-Spiel, vereinfachte Menu-Struktur ist deutlich besser als in früheren Spielen

Negativ

Sound nicht überzeugend, KI immer noch nicht perfekt, Lange Ladezeiten, Umgebungsgrafik nicht zeitgemäss, Schadensmodell praktisch nicht existierend, zu wenig Hilfe beim Tuning, viele Autos haben generische Cockpits, wenn man im Store kein Geld dazukauft kommt man eher langsam vorwärts, Musik ist seelenloses Hintergrundsgedüdel, Filtern von Autos im Shop nach spezifischen Kriterien ist nicht möglich, GT6 hat zwar einen Mond-Buggy im Angebot, aber keinen Smart Roadster! :-(

Alleine spielen: Sehr gut!
Mit Freunden auf dem Sofa spielen: Gibt's nicht.
Mit Freunden im Internet spielen: Sehr gut!
Du kannst LKM, den Autor dieses Beitrags, über seine Kontakt-Seite erreichen.


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