Testbericht | PS3
Heavy Rain - Thrillerdrama mit Tiefgang
Ein Architekt, ein Privatdetektiv, eine Journalistin und ein FBI-Agent werden in den Strudel rund um den Fall des «Origami-Killers» gesogen. Ihr übernehmt abwechslungsweise die Rolle aller vier Hauptfiguren – und Ihr allein entscheidet, wer überlebt, wer stirbt und wie das Rätsel um die Morde und das drohende achte Opfer gelöst werden kann. Eure Entscheidungen, Eingriffe oder Unterlassungen bestimmen, wie sich die Geschichte entwickelt – mit allen Konsequenzen und mitunter tragischen Folgen. Heavy Rain ist ein eindrückliches Beispiel für die emotionale Macht, die in einem Videospiel stecken kann. Ein wichtiger Hinweis vorwegDieser Testbericht enthält keine Details oder sonstigen spasstrübenden Vorwegnahmen für Leute, die das Spiel noch nicht selbst gespielt haben. Die Geschichte an sich spielt bei Heavy Rain die wichtigste Rolle und wird vom Spieler selbst stark beeinflusst. Unser Artikel enthält nicht mehr Informationen bezüglich der Details, als auf der Rückseite der Verpackung und aus dem Booklet bereits ersichtlich sind. Eine Stadt in den Fängen eines KillersDer Herbst ist ins Land gezogen, heftiger Oktoberregen fällt fast ununterbrochen vom Himmel. Er hat wieder zugeschlagen. Die Polizei steht vor einem Rätsel, die Ermittlungen verlaufen sich im Nichts, und keiner der bisherigen Hinweise birgt eine handfeste Spur. Das achte Opfer wird auf einem Stück Ödland am Stadtrand tot aufgefunden, und mit Agent Norman Jayden nimmt nun auch das FBI die Ermittlungen auf. Dem cleveren, aber noch etwas unerfahrenen Profiler der Feds schauen wir ab diesem Zeitpunkt genauso über die Schulter wie dem scharfsinnigen alten Fuchs Scott Shelby, der als Privatdetektiv mit der Aufkärung des Falles betreut ist. Auch Madison Paige, eine von Schlaflosigkeit geplagte, attraktive Journalistin wird bald in die Geschehnisse verwickelt, sowie der schwermütige Architekt Ethan Mars. Letztgenannter ist die eigentliche Hauptfigur in diesem verzwickten Kriminalfall – könnte man zumindest meinen. Die eigentliche Hauptdarstellerin ist die Geschichte, die sich auf unterschiedlichste Art entlang von Eckpunkten entwickelt und sich je nach Gesprächsverlauf oder Aktion und Reaktion in bestimmten Situationen anders entfaltet. So kreuzen sich die Wege der vier Hauptdarsteller bald auf die eine oder andere Weise, und diese Begegnungen bleiben natürlich nicht ohne Folgen – je nach Entscheidung des Spielers halt. Was eher gemächlich beginnt, wird bald zur temporeichen Hatz, zu einem regelrechten Spiessrutenlauf. Die Macher von Heavy Rain beherrschen das grausame Spiel mit der düsteren Vorahnung nahezu perfekt, und gleichzeitig wachsen einem die Figuren schnell ans Herz. Die Tradition des «Film Noir» hat bei Quantic Dream deutliche Spuren hinterlassen, wer also Filme wie «Seven» oder «Identity» liebt, ist hier an der richtigen Adresse. Die Story ist das SpielKaum taucht man die die Geschehnisse des Spiels ein, kommt ein Suchtpotential auf, welches man in ähnlicher Form vielleicht von gelungenen TV-Serien wie «24» oder «Prison Break» her kennt, aber wesentlich subtiler und weniger mit Spektakel überladen. Die kürzeren und längeren Szenen, die sich aneinanderreihen, lassen ständig eine grosse Neugier nach dem «Wie weiter» aufkommen. Die Geschichte macht die Musik - mit allen Ecken und Kanten des wahren Lebens, gespickt mit Hochgefühlen und Tiefschlägen, Verrätern, Spinnern und gnadenloser Härte. Die vier Hauptfiguren haben auf jeden Fall so einiges durchzustehen im Verlauf des Abenteuers, und die eine oder andere krasse Wendung lässt einen mit ungläubig staunendem Gesichtsausdruck zurück. Die einzelnen Hauptpersonen sind dabei nicht alle gleich zugänglich und interessant gezeichnet, aber auch darin darf man durchaus eine gelungene Arbeit des Autoren David Cage sehen. Auch nicht alle Menschen im echten Leben sind gleichermassen spannend oder sympathisch, und hinter noch so mancher Fassade verbirgt sich etwas ganz anderes, als man von aussen vermuten könnte. Im Verlauf der Geschichte begegnen einem neben den Hauptfiguren auch einige mysteriöse, teilweise aggressive und mitunter auch ganz schön durchgeknallte Zeitgenossen, welche das Spektrum der Gefühlsbäder auf alle möglichen Arten erweitern. All diese Figuren sind glaubhaft und authentisch gezeichnet, und machen das Spiel zu einem Erlebnis, das man so schnell nicht mehr vergisst. Quicktime Events vs. kontextuelle AktionenDie Interaktion mit der Spielwelt und somit der Geschichte geschieht mit unterschiedlichsten Bewegungen der Thumbsticks, durch Bewegung des Motion Sensors im Sixaxis oder per Drücken von Tasten in einer bestimmten Abfolge, Geschwindigkeit oder Intensität. Wer Fahrenheit aka. The Indigo Prophecy gespielt hat, weiss, was damit gemeint ist. Das Prinzip macht in Heavy Rain Sinn, wo in anderen Spielen diese allgemein als «Quicktime Events» bekannten Szenen eher störend wirken (und denen daher einen etwas zwielichter Ruf anhaftet). Hier scheint diese Art der Interaktion durchaus angebracht, da ein «Verpassen» der richtigen Taste nicht zwangsläufig zu einem Abruch der Aktion führen muss. In einem Kampf kann dies einfach bedeuten, dass die Figur beispielsweise ein paar blaue Flecken mehr davonträgt als wenn man alle Tasten richtig erwischt. Der öfters vorkommende Zeitdruck schafft andererseits aber auch einen gewissen Kick. Per Knopfdruck kann man ausserdem die Gedanken der jeweiligen Person, die man gerade kontrolliert, oder besser gesagt, deren Perspektive man gerade teilt, sicht- und hörbar machen. Diese Gedanken enthalten oftmals Hinweise für das weitere Vorgehen, oder schaffen ein stimmungsvolle emotionale Verbindung zur jeweiligen Figur. In Gesprächen kann man bestimmte Themen ansprechen, oder eine explizite emotionale Haltung einnehmen, was den weiteren Verlauf der Handlung beinflussen kann. Bereits absolvierte Kapitel und Szenen dürfen im Hauptmenü jederzeit nochmals ausgewählt und auf andere Weise erneut absolviert werden. Überhaupt ist die Wiederspielbarkeit des Titels recht hoch und es lohnt sich, die Geschichte nochmals anzugehen und hie und da vielleicht eine andere Entscheidung zu treffen. Gerade das Wissen, was es mit den Morden auf sich hat, verleiht einem zweiten Durchgang einen gewissen Reiz. Vergleichbar ist das am ehesten mit einem tollen Film, den man sich gleich ein zweites Mal anschaut, um das Ganze nochmals genau zu beobachten – gerade weil man weiss, wie es ausgeht. Bloss geht in diesem Fall vielleicht das nächste Mal etwas ein bisschen anders aus... Klassik und NeuzeitDie Bewegung der Figuren und viele der Abläufe entsprechen klassischen Adventure-Bausteinen. Spätestens seit «Alone In The Dark» ist diese Art der Darstellung etabliert. Wo sich Heavy Rain jedoch deutlich von «herkömmlichen» Action-Adventures unterscheidet, ist in der Art, wie man sich mit den Figuren verbunden fühlt in kürzester Zeit, und wie sich, wie schon gesagt, die Geschichte entwickelt. Man spürt quasi förmlich die Verantwortung, die man bezüglich der Entscheidungen hat, die man in der Haut der jeweiligen Person fällt. Des öfteren muss man dabei unter Zeitdruck relativ schnell entscheiden, und nicht selten geht es dabei um wesentlich mehr als um die Frage nach weissen oder schwarzen Socken. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten, einige der Situationen fahren jedenfalls heftig durch Mark und Bein – und dies gänzlich ohne Monster, Aliens und ganze Armeen von schwer bewaffneten Gegnern. Die Jungs von QD haben sich einiges einfallen lassen, das man in der Form noch nirgends gesehen hat. Beispielsweise die Szenen mit Norman Jayden, dem FBI-Profiler, bieten mit dessen Ermittlungsmethoden packende und überraschende Momente. Ein Vorgeschmack dazu bietet die eine Szene in der spielbaren Demoversion. Eine Präsentation, die sich gewaschen hatDie Animationen, Schauplätze und Figuren reichen in ihrer Qualität von gut bis teilweise atemberaubend. Die Animationen von Charakteren, die man durch die Umgebungen bewegt, wirken grösstenteils glaubwürdig und eigen. Hie und da können diese ein wenig unnatürlich daherkommen, ein wenig mehr Raffinesse in der Überleitung von der einen Bewegung zur nächsten hätte hier sicherlich geholfen. Die Szenerien sind jedoch durchwegs meisterlich und mit viel Liebe fürs Detail gemacht, manche Orte sind schon fast zum Anfassen echt und eindrücklich gestaltet. Das Pünktchen auf das i ist jedoch der fantastische Soundtrack, der die Stimmung zu jedem Zeitpunkt mehr als unterstreicht, und sich bald wie eine Hymne der Spannung und inneren Zerrissenheit in das Gedänchtnis einbrennt. FazitHeavy Rain ist keine leichte Kost und gleichzeitig über alle Massen spannend. Es ist ein Höllenritt durch die Tiefen seelischer Abgründe, und gleichzeitig eine Erzählung über menschliche Güte, weitgehend vom Spieler selbst bestimmt. Ganz sicher ist das Spiel jedoch nichts für schwache Nerven. Das «interaktive Drama» (diese Bezeichnung seitens des Produzenten ist für einmal gar nicht so weit weg von der Wahrheit) ist so aufwühlend wie überraschend, aber auch verstörend, tiefgründig und bewegend. Der Titel ist einer der ganz wenigen Vertreter von echter «erwachsener» digitaler Unterhaltung, der die Auseinandersetzung mit der Geschichte, mit den Figuren und den ausgeprägten Emotionen zu einer einzigartigen Erfahrung machen. Der Weg ist hier tatsächlich das Ziel. Heavy Rain stellt aber auch einen gewissen Anspruch an den Spieler, wer also leichte Unterhaltungskost vorzieht, dem sei hier abgeraten. Das Spiel stösst einen mehr als einmal vor den Kopf, und das mit voller Absicht. Das Spiel ist anders als alles, was man bisher erlebt habt, und man wird durchaus auch mal durchgeschüttelt. Dies hat natürlich zur Folge, dass nicht jedermann gleich gut mit dem Spielprinzip zurechtkommen wird, da «anders» nunmal nicht gleich «gut» heisst. Heavy Rain ist ein digitales Interaktiv-Experiment, welches zu einem grossen Teil gelungen ist, aber auch ein paar Schnitzer aufweist, ein paar wenige «Kratzer». Dazu gehören ein paar gelegentliche Ruckler und Textur-Pop-Ins. Die Kontinuität ist grösstenteils gut gelungen, ein paar Dinge bleiben aber (vielleicht vorerst?) im Dunkeln. Heavy Rain ist nicht perfekt. Im Grossen und Ganzen gesehen ist dieser Titel aber ein tiefgehendes Erlebnis, das man sich nicht entgehen lassen sollte. Wir bedanken uns bei Sony für die freundliche Bereitstellung einer Vollversion zu Testzwecken
Zweite Meinung von LKM
Heavy Rain ist ein Spiel für Erwachsene. Damit meine ich nicht, dass es brutal ist, sondern dass es erwachsene Themen behandelt. Die Beziehung eines Vaters zu seinem Kind. Der eigene körperliche Zerfall mit zunehmendem Alter. Die Schönheit des Lebens, die in den banalsten Momenten zu finden ist. Komplexe Entscheidungen, deren Folgen nicht absehbar sind. Wer es bisher noch nicht bemerkt hat muss sich von Heavy Rain überzeugen lassen: Videospiele sind nicht mehr (nur) für Kinder. Technisch kann Heavy Rain überzeugen. Musik und Grafik sind toll, auch wenn die teilweise puppenhafte Animation der Charaktere nicht mit ihren ausdrucksvollen Gesichtern mithalten kann. Die mise-en-scène des Spiels kann mit jeder Hollywood-Produktion mithalten. Ich habe beim Demo die Steuerung bemängelt. Es gibt einen Easy-Modus, bei dem man meistens auch dann mithalten kann, wenn man sich gerade nicht sofort daran erinnert, wo jetzt die Vierecks-Taste schon wieder zu finden ist. Zu viel sollte über die Geschichte wohl nicht verraten werden. Ein Besuch in der Welt von Heavy Rain lohnt sich aber auf jeden Fall. Heavy Rain
Positiv
Faszinierende und mitreissende Atmosphäre, glaubwürdige Charakteren, toller Soundtrack und gelungene Szenerien, einzigartiges Spielprinzip, dynamische Story, emotional tiefgehende Erfahrung Negativ
Hie und da ein paar technische Unzulänglichkeiten, an manchen Stellen ein wenig vergebenes Potential, teilweise etwas klobige Controls und Charakteranimationen
Du kannst DN, den Autor dieses Beitrags, über seine Kontakt-Seite erreichen.
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