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Testbericht | Xbox 360
Alan Wake
Träumt Alan? Oder hat der den Verstand verloren? Nach der dritten oder vierten Rückblendung, der Entdeckung der düsteren Schattenwesen und angesichts des merkwürdigen Verhaltens einiger Bewohner von Bright Falls liegt der Schluss nahe, dass Mr. Wake sich seinen begehbaren Alptraum geschaffen hat. Die Wahrheit erfahrt Ihr nur, wenn Ihr Euch diesen durchaus empfehlenswerten Psycho-Horror-Thriller während ein paar Nächten um die Ohren schlägt. Das ManuskriptEigentlich sollte der Ausflug des Schriftstellers Alan Wake und seiner Frau nach Bright Falls in Washington State zur genussvollen Erholung und zur Behebung seiner Schreibblockade dienen. Die Region im Nordwesten der USA eignet sich für Urlaub an bewaldeten Ufern von Seen ideal zum Fischen und Entspannen. Bloss geht so einiges schief nach der Ankunft des Paares in der kleinen Ortschaft, die Erzählung macht einen Sprung, und Alan fehlt bald eine Woche in seiner Erinnerung. Was hat er getan? Wo ist seine Frau? Was bildet er sich ein und was ist nun der echte Horror? Fragen über Fragen türmen sich auf, während man über Alan's Schulter blickend die Gegend nach Hinweisen durchforstet. Immer wieder tauchen auf dem recht linearen Pfad Manuskriptseiten auf, die teilweise in die Zukunft weisen. Furchtbare Dinge passieren genau so wie sie bereits vorher im Manus zu lesen waren. Geht Alan also durch sein eigenes Buch? Oder wurde die Welt um ihn herum zu seiner Geschichte? An manchen Stellen findet er Videosequenzen auf TV-Bildschirmen, die ihn in einem Raum beim Schreiben zeigen, wo er Monologe führt. Selbst Alan im Spiel empfindet den Alan auf den Sequenzen als äusserst merkwürdig – kein Wunder. Beautiful Washington StateDie Spielwelt von Alan Wake gehört locker zum Schönsten, was die XBox 360 zu bieten hat. Die fünf Jahre Entwicklungszeit haben definitiv ihren Einfluss gezeigt, an der Präsentation gibt es also nichts auszusetzen. Die grafische Brillanz eines Uncharted 2, mitunter auch die Wendigkeit in den Controls, aber dazu mehr weiter unten, erreicht Alan Wake zwar nie ganz. Nichts desto trotz sind gerade die Pflanzen und Gebäude, die Schauplätze allgemein und die vielen Details hervorragend gestaltet und atmosphärisch umgesetzt. Taucht man einmal in die Welt von Bright Falls und Umgebung ein, mit all seinen Nationalpark-Wäldern, Trails, verlassenen Kohleminen, doppelstöckigen Brücken und Güterzügen, lässt einen das so schnell nicht mehr los. Die Bäume, erst recht wenn es anfängt zu stürmen, sind fantastisch gemacht. Hier verdient sich das Spiel definitiv den «Schönste Pflanzen in einem Videospiel»-Oskar. An manchen Stellen sind ein paar eher unscharfe Texturen zu erkennen bei genauem Hinschauen, was dafür wiederum genial daherkommt sind die Lichteffekte. Wenn Alan im Dunkeln herumtappend mit seiner Taschenlampe die Gegend ausleuchtet, kommen Schatten und Oberflächen zum Vorschein, die einen des öfteren Erstaunen lassen. Dazu trägt auch der aussergewöhnlich dichte und packende Soundtrack bei, der mit der gespenstischen Geräuschkulisse in Dolby DTS Höchstspannung garantiert. FilmreifDas Script von Alan Wake könnte locker mit tollen Hauptdarstellern verfilmt werden. Nicht jedem wird der Aufbau und die Komplexität der Story liegen, mir persönlich hat sie überaus gut gefallen, ohne allzuviel unnötigen Trara aufzubauschen. Zum Film- bzw. TV-Show-Feel tragen auch die Zusammenfassungen des jeweils vorangegangenen Kapitels zu Beginn eines neuen bei – eine tolle Idee, die man so nur aus Serien wie Lost oder Prison Break kennt. Auch literarisch hat (teilweise sogar explizit im Spiel erwähnt) Alan einige Vorbilder wie Stephen Kings Stark, H.P. Lovecraft, oder auch Spiele wie Alone In The Dark oder natürlich Remedys Ur-Original, wovon gleich auch noch die Rede sein wird. Das Element der Manuskript-Seiten, die Alan scheinbar selbst verfasst hat, und welche dann irgendwie in der Gegend verteilt wurden, bringt zusätzlich eine Erzählebene ins Spiel, die das Gefühl der düsteren Vorahnung noch verstärkt. Das Schicksal von einzelnen Personen scheint in der niedergeschriebenen Geschichte im Script festgehalten, aber sind diese Figuren wirklich verloren? Nie ist man sich gewiss, ob Alan sich in seiner eigenen Geschichte spielt, oder ob diese gottvergessene Ortschaft wirklich verflucht ist. Max Paynes Alter EgoDie Stimme, die Erzählweise, die Perspektive, die Atmosphäre – des öfteren scheint man ein paar Jahre zurückversetzt bei Max Payne gelandet zu sein. Dies ist per se ein gutes Zeichen, da dieses Spiel einfach in jede Gamer-Erfahrungs-Sammlung gehört. Für Alan Wake lohnt es sich, die Originalton-Ausgabe zu spielen, die deutsche Sync-Fassung kann niemals mithalten. Sobald Alan den Schattenwesen begegnet, kommt erst recht Stimmung auf. Die Slow-Mo ist anstelle einer Bullet-Time getreten, aber als Quasi-Erfinder der Zeitlupe als Effekt in Videospielen hat Remedy auch dieses Mal dramaturgisch voll ins Schwarze getroffen. An manchen Stellen schwenkt die Kamera unvermittelt herum, und in verlangsamter Weise wie in einen Panik- oder Schockzustand versetzt, muss man mitansehen, wie aus der Dunkelheit und aus dem Buschwerk irgendwelche Axtmörder und andere üble Gestalten daherpreschen. Munition und Batterien sind meist rar, und das bereits im einfachsten Schwierigkeitsgrad, und dieser Umstand wirkt auf die Nerven nicht gerade beruhigend. Bekämpfen kann man die Wesen nur, indem man sie mit einer Lichtquelle bestrahlt, und sie anschliessend wegballert oder mit Leuchtpetarden verglüht. Sicher vor ihnen ist man nur in hell erleuchteten Räumen oder Lichtkegeln einer Strassenlampe. Die Kämpfe sind eine wahre Freude, und sicherlich auch grafisch ein Highlight. Wenn Alan inmitten einer rot erleuchteten Rauchsäule steht, rundherum die Monster geblendet sich abwenden, und eine Kugel nach der anderen ihr Ziel findet, dann ist das hohe Videogamekunst aus dem finnischen Mutterhaus des Mr. Payne. FazitWer storylastige Games mit einer tüchtigen Prise Horror à la Dead Space, Silent Hill oder Resident Evil mag, dem sei hier voll und ganz und hochoffiziell der Kauf aufgezwungen. Ich bin sogar fast geneigt zu sagen, dass es sich für dieses Spiel sogar lohnen kann, sich eine günstige 360 zu ziehen. Zu schade dass allen Nicht-Xboxlern dieses wirklich sehr gut gelungene Spiel entgeht. Die schön recherchierten und detailgetreu umgesetzten Schauplätze haben es in sich. Man möchte nach Absolvieren der Geschichte gleich nochmal die Erinnerung löschen und sich von vorn erneut und unwissend von der abgefahrenen Story überraschen lassen. Leider gibt es auch ein paar Minuspunkte zu verzeichnen. Wünschenswert wären ein paar abwechslungsreichere und freier begehbare Umgebungen gewesen, obwohl die Welt natürlich sinngemäss mit verlassenen Holzfäller-Arealen, alten Minen, Bergstrassen und den Diners und Resorts als Abbild des Nordwestens der USA nahe der kanadischen Grenze authentisch daherkommt. Schön wären ein paar alternative Pfade gewesen für gewisse Szenen, was die Wiederspielbarkeit natürlich enorm vergrössert hätte. Auch etwas bemängelt werden muss die Steuerung, was z.b. das präzise Gehen auf schmalen Pfaden oder das Erreichen eines Punktes per Sprung manchenorts frustrierend erschwert. Trotz dieser leisen Kritik, und dem darauf basierenden Vorenthalten eines Gold Awards – die einsamen Wälder und von Flüssen zerfurchten Hügel von Bright Falls und Lover's Peak erwarten Euch. Und zwar mit all den abgedrehten Gestalten und üblen Monstern, die so ein abgelegenes Kaff zu bieten hat, real oder fiktiv.
Alan Wake
Positiv
Tolle Umgebungseffekte und atmosphärische Stimmung, mehrschichtig geschriebene Story mit der permanenten Prise düstere Vorahnung, filmreifes Script und Voiceacting (Originalton), viel Liebe zum Detail Negativ
Controls streckenweise etwas klobig, Kamerasteuerung leicht gewöhnungsbedürftig, deutsche Sprachversion halb so toll wie die Originalausgabe, etwas mehr Abwechslung in den Szenerien wär toll gewesen
Du kannst DN, den Autor dieses Beitrags, über seine Kontakt-Seite erreichen.
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