DEUS EX: HUMAN REVOLUTION
Testbericht | PS3 | PC | Xbox 360

Deus Ex: Human Revolution gold_medium

vor 5 Jahren von DN, Aktualisiert: vor 5 Jahren

Die Vorfreude auf das neue Deus Ex war riesig. Zum ungeduldigen Warten mischte sich allerdings auch eine Prise Skepsis, da ein neues Team mit dem Erbe der Serie Hunderte von Fallen zu umgehen hatte. Eidos, der Ur-Publisher der Serie, hat die Entwicklung von Deus Ex - Human Revolution auf sich genommen. Dies hat sicherlich geholfen, die hoch gesteckten Erwartungen zu erfüllen. Evolution statt Revolution war dieses Mal die Maxime, und zwar zurecht. Deus Ex - Human Revolution ist Videogame-Kunst in nahezu reinster Form. Unser Bericht aus der Zukunft:


Deus Ex Machina

Der lateinische Ausdruck bedeutet Der Gott aus der Maschine. Und das wiederum gilt in Literatur, Film und Theater als Wendung in der Handlung, welche scheinbar willkürlich herbeigeführt oder wie von einer höheren Macht verursacht wird. Im Game von Eidos hat diese Anlehnung natürlich mehr als eine Seite: Zum einen die maschinell optimierten Menschen in der nahen Zukunft, wo Human Revolution seinen Platz hat, chronologisch gesehen zwei Jahrzehnte vor den Geschehnissen um JC Denton und UNATCO aus dem Original-Deus Ex. Und zum anderen die mitunter drastisch unterschiedlichen Wendungen oder Endungen in der Story, die man als Spieler selbst herbeiführen kann.

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Die Strassenszenerien im Spiel stehen den Artworks in nicht viel nach. Eidos' düstere Zukunftsvision überzeugt mit Liebe zum Detail und weitläufigen Arealen.

Wir schreiben das Jahr 2027. David Sarif hat seinen Konzern mit Spezialisierung im Bereich der körperlichen und psychischen Augmentierung aka. Erweiterung von Menschen an die Weltspitze gebracht. Andere grosse Firmen buhlen mit Sarif Industries um die Vorherrschaft in diesem lukrativen Geschäft.

Der neue Wirtschaftszeig in Eidos' dystopischen Zukunftsvision bringt ordnungsgemäss auch viele Misstöne mit sich. Politische Kräfte fordern die Einschränkung der Mensch-Optimierung, sie fürchten den Verlust der echten Menschlichkeit und humanistischen Ausprägungen. Andere gehen noch weiter und verüben terroristische Anschläge auf Unternehmen und Teile der Behörden, welche die Augmentierungen herstellen bzw. unterstützen.

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Reborn – back for good? Eure Entscheidung, wie gut ihr zu euren Mitmenschen sein möchtet.

Ihr schlüpft ihn die Rolle von Adam Jensen, dem Sicherheitsverantwortlichen im Hauptquartier von Sarif Industries in Detroit. Als Ex-Cop und ehemaliger Zugführer eines SWAT-Teams seid ihr euch gnadenlose Verhöre und hitzige Gefechte in Strassen und Innenräumen seit je her gewohnt. Bei Sarif ist es im Vergleich zu diesen Zeiten allerdings angenehm ruhig.

Bis zu dem Tag, als ihr euren Boss und eine der wichtigsten Forscherinnen – und gleichzeitig eure Geliebte, Megan Reed — zu einem Kongress nach Washington begleiten sollt, wo die Zukunft der gesetzlichen Regulation von Augmentierungen besprochen werden soll. Die Optimierungen sollen allen Menschen zugänglich gemacht werden, und nicht wie bis anhin Soldaten, Polizisten und Wissenschaftlern oder anderen Regierungsmitgliedern vorbehalten sein. Just vor der Abreise werden die Vorbereitungen brutal unterbrochen, als ein massiver Angriff die Labors und Büros des Gebäudes erschüttert und Dutzende von Mitarbeitenden den Tod finden.

Als Tutorial aufgebaut, macht ihr euch im riesigen Gebäude auf die Suche nach der Ursache des Aufruhrs, und werdet kurze Zeit später Opfer eines unbesiegbaren augmentierten Rudels von Söldnern. Ein massiver Typ taucht auf mit einem Kampfarm, dessen Ende sich ruck-zuck in eine Minikanone verwandelt. Dieser gepanzerte Attentäter und seine zwei Mitstreiter machen kurzen Prozess mit dem bislang naturbelassenen Adam.

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Sechs Monate später erwacht ihr aus dem Koma und erkennt euch kaum wieder. Fast sämtliche Teile eures Körpers und Gehirns wurden ausgetauscht und aufgemotzt, um euch dem Tod zu entreissen. Oder steckt am Ende doch ein anderer Grund hinter eurem «Umbau»? Wie dem auch sei, fortan kann sich Adam in den sogenannten LIMB (Liberty In Body & Mind) Kliniken weitere Module und Fertigkeiten beschaffen. Gesamthaft stehen rund zwei Dutzend Module mit diversen Feinanpassungen zur Auswahl.

Die Verstärkungen braucht Adam aka. ihr sehr dringend, denn David Sarif will die Sache selbstverständlich nicht auf sich beruhen lassen, und schickt euch auf die Suche nach den Urhebern des Anschlages. Die Reise führt kreuz und quer durch Detroit und später nach China in die Stadt Hengsha im Yangtse Delta. Und nach... ähem, nein, das werden wir euch natürlich nicht verraten.

Die Story des Spiels ist clever aufgebaut, führt euch an abwechslungsreiche Orte und gewinnt mit zunehmender Spieldauer laufend an Verästelungen und Spannung. Steckt am Ende ein chinesischer Konzern dahinter? Oder etwa die Triaden? Die US-Regierung? Was ist mit den extremistischen Augmentierungs-Gegnern mit dem Namen «Pro-Humane Aktivisten»? Als Details zu Adam Jensen Kindheit auftauchen, wird man erst recht hellhörig. Fragen über Fragen, und ihr mittendrin.

Nicht zu vergessen sind an dieser Stelle die hochwertigen Nebenquests zu erwähnen, die ihr immer wieder von Personen auf der Strasse oder parallel zur Hauptgeschichte per Funk aufgetragen kriegt. Hervorzuheben gibt es hier die eine Geschichte um die Aufklärung eines Mordes in Hengsha, welcher sehr gut geschrieben ist und euch für die Dauer des Falles zu einem Detektiv werden lässt. 1A-Unterhaltung!

Hochpräzises Gameplay

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Frisch aufgepumpt nach allen Regeln der selbstbestimmten Evolution geht es diversen Sicherheutsleuten und Terroristen an den Kragen.

Gleich auf Anhieb fällt auf, dass die Sichthöhe für einmal in einem Ego-Perspektive-Spiel sinnvoll festgelegt wurde. Man fühlt sich nicht wie ein Zwerg, und das obwohl Jensen kein Riese ist. Generell wirken HUD und die Controls auf Anhieb satt und präzise. Da es sich bei Deus Ex ausdrücklich NICHT um einen Rambo-Shooter handelt, macht insbesondere das Deckungssystem in der Art Sinn. Für diese Situationen wechselt das Spiel in die 3rd person-Perspektive, was die Feuergefechte aus der Deckung wesentlich erleichtert. Deckungssysteme aus der Egoperspektive haben noch nie so richtig gut funktioniert, weil einfach die Übersicht allzusehr flöten geht.

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Gedeckt getarnt überlebt es sich in DEx am besten.

Geht ein Gefecht trotz allen Augementierungen oder sonstigen Gimmicks in die Hose, lässt sich dank der frei wählbaren Speichermöglichkeit jedwelche Situation locker wiederholen. Leider sind die Ladezeiten etwas an der Schmerzgrenze für heutige Verhältnisse, aber gemessen an der hübschen Spielwelt mögen wir dies Eidos knapp verzeihen.

In das Jahr 2011 hat es auch das Original-Inventar geschafft mit den belegbaren Feldern. Ein Hoch auf diese Entscheidung von meiner Seite. Es wirkt Oldschool, die Verwaltung der Gegenstände kann etwas Zeit in Anspruch nehmen, aber die Auseinandersetzung mit selbst diesem kleinen Detail gehört einfach zur Deus-Ex-Erfahrung.

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Um das eine oder andere Feuergefecht wird man im Verlauf das Spiels nicht herumkommen. Es ist jedoch mit einiger Cleverness und Geschicklichkeit durchaus möglich, ohne einen einzigen Kill und ohne einen einzigen Schuss abzufeuern, das gesamte Spiel zu beenden. Was auch entsprechend belohnt wird.

Wichtig für das schadlose Rumschleichen und Unentdeckt-Bleiben ist das Beseitigen oder Einsetzen von Objekten, und das Verstecken von betäubten oder erledigten Gegnern. Generell besteht eine der mit Abstand genialsten Spielerfahrungen von Deus Ex darin, verstohlen zu agieren: Jede Tür und jede Lüftungsschacht-Abdeckung, die man hinter sich wieder schliesst, um sich vor unerwünschten Blicken zu schützen, gibt einem dieses einzigartige DEx-Feeling. Man wird in diesen Momenten zu Adam Jensen, man spürt seine Bewegung und seine Fähigkeiten mit jeder Bewegung des Controllers. Dies war bereits eine der grossen Stärken des Originals und in kaum einem anderen Spiel ist diese Intensität dermassen gross.

Der Schwierigkeitsgrad ist jederzeit einstellbar, auf Stufe Normal sind geübte Deus-Exler jedoch schonmal gut aufgehoben. Der höchste Level wird für brutal frustrierende Momente der absoluten Verzweiflung sorgen und sei an dieser Stelle wirklich nur den Hyper-Ehrgeizigen empfohlen. Ich (als gestandener Deus-Ex-Veteran mit drei Durchläufen des Originals) habe nach vier Stunden kapituliert und auf Normal weitergespielt.

Wähle weise

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Deus Ex verlangt von euch viel Selbstverantwortung für die Bewältigung des Abenteuers. Aber genau darin liegt die ungeheure Stärke des Titels. Wenn ihr eure Ausrüstung und Augmentierungen eurer Vorgehensweise anpasst, ermöglicht Deus Ex euch Spielsituationen, die es in dieser Art nirgendwo sonst zu haben gibt. Ansatzweise kann man die Stealth-Action mit Titeln wie Metal Gear Solid 4 oder Splinter Cell vergleichen, aber ohne das ständige Pochen auf Schleicharbeit. Wer will, darf sich auch eine dicke Panzerung samt grober Wumme zulegen und alles niedermähen.

Erfahrungspunkte, die für diverse Kleinigkeiten und Aufgabenerfüllungen drinliegen, ergeben mit jeder neuen Stufe eine Gratis-Augmentierung. Diese dürft ihr jederzeit irgendwo freischalten und gleich einsetzen.

Die im Spiel vorherrschende Währung namens Credits darf sowohl auf dem Schwarzmarkt für Munition und Ausrüstung, als auch (und das ist die wesentlich besser Wahl) in LIMB-Kliniken für zusätzliche Augmentierungen ausgegeben werden. Einen Praxis-Punkt (je nach Erweiterung kostet eine Augmentierung als Basisfähigkeit zwei P-Punkte, weitere Verästelungen meist einen P-Punkt) gibts für 5000 Credits - das ist immer gut investierter Cash.

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Ein Computerterminal? Nichts wie hin. Hacken ist ein äusserst effektiver Weg, um an alle möglichen Informationen und das eine oder andere Goodie zu gelangen.

Einmal abgesehen von der Freiheit in Sachen Ausrüstung und euren Körpertunings dürft ihr kreuz und quer durch die Gegend laufen und unter Umständen sogar nebenbei eine Nebenaufgabe lösen, für welche ihr erst später den eigentlichen Auftrag erhält. Das Spiel erlaubt euch dies jedoch ohne mit der Wimper zu zucken. Nie hat man das Gefühl, aus dem Gesamtgefüge des Spiels rauszufallen, alles geht fliessend ineinander über. Das Spiel bietet ein nahtloses, intensives und spannendes Erlebnis von Anfang bis Schluss – nur um gleich nochmals vorne anzufangen und mit anderen Augmentierungen rumzuprobieren.

Meine Handvoll Tipps für Neueinsteiger:

  • Inventar-Erweiterung lohnt sich alleweil, da man sonst sehr schnell an die Grenzen der Tragkraft gerät.

  • Erweiterung für Unsichtbarkeit ist absolute Pflicht, dazu empfehle ich als frühe Beilage die erweiterte Sprintfähigkeit, eine zusätzliche Energiezelle und eine Schleichoptimierung.

  • Gegenstände oder Waffen horten, die man nie benutzt, lohnt sich nicht. Lieber Platz im Inventar für Granaten, Medis, Carbon-Gels oder Hacker-Goodies sparen.

  • EMP-Granate für die brenzligsten Roboter-Fights sparen.

  • Hacker-Erweiterungen möglichst frühzeitig ausbauen.

  • Was die Bewaffnung angeht so kam ich mit einer 10mm-Pistole samt Schalldämpfer, aufgemotztem Magazin und Schadenserweiterung ohne grössere Probleme durch praktisch alle brenzligen Situationen. Ein Scharfschützengewehr kann ebenfalls nützlich sein, alles andere ist Kür. Wer mag, darf auch die pazifistische Variante mit Betäubungsgewehr und Armbrust wählen.

  • Schwere Waffen und Sturmgewehre bringen eher wenig. Zu schwer, zuwenig Munition, zu umständlich. Klar reizt es schon mal, mitten in den Gegnern aus dem Versteck zu springen und alle umzunieten. Aber es gibt einfach viel elegantere Wege das Spiel zu spieln. Die Rambo-Variante ist schlichtweg zu doof für dieses intelligente Action-Game. Und wenn's dann mal sein muss: Unsichtbarkeit einschalten, mitten in eine Gruppe Gegner stehen und den Taifun zünden. Das ist erst noch viel spektakulärer.

Erwähnenswert ist an dieser Stelle auch das Hacker-Minigame, welches ein bisschen wie ein Glücksspiel anmutet und ordentlich Spass macht. Mit steigenden Fertigkeiten in diesem Bereich steigt eure Wahrscheinlichkeit, die netten Goodies zu ergattern, die es auf dem Weg zum Hauptknoten zu finden gibt, und dabei sogar unentdeckt zu bleiben.

Das Goldene Zeitalter

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DE – HR ist kein trompetisches Grafikspektakel wie Killzone, Uncharted, Gears und Konsorte. Aber es ist in sich unglaublich schön gestaltet, stimmig und atmosphärisch dicht umgesetzt. Die Welt wirkt glaubwürdig wie kaum eine andere digitale Spielwiese in jüngster Vergangenheit. Die Sterilität und manche leere Gasse unterstützen das Spielfeeling und die leise Melancholie perfekt.

Das Setting des Spiels ist – in einem Satz gesagt – auf fantastische Weise futuristisch visualisiert und vertont. Die Spielwelt mit viel Glas und kaltem Beton muss sich in keiner Weise verstecken, und das vorherrschende eigenartig golden-bronzene Licht überall in den Strassenschluchten schafft eine einzigartige Optik.

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Viele kleine Details wie beispielsweise die flatternden Papierstreifen an Luftschacht-Gittern oder die strahlenden Display-Wände erfreuen das Gamerherz. Manche Ecke erweckt den Eindruck, als ob die Designer des Spiels tatsächlich mal kurz per Zeitmaschine in die Zukunft gereist wären.

Der Soundtrack dämmert getreu der Tradition in Einklang mit der Grafik daher, manchmal etwas pochender, manchmal leise wie ein Electro-Lüftchen. Sogar der kultige Original-Soundtrack in einem Radiosendungs-Intro hat es ins Spiel geschafft. Wow!

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Die Innenarchitektur schiesst den Vogel endgültig ab. Die Dachkonstruktionen, Möbeldesigns, Lampenformen, Lichtkonstellationen und die vielen tollen Perspektiven mit Aussicht auf die Städte oder in düstere Abwasserkanäle hätten einen Game-Oskar verdient, wenn es einen solchen gäbe.

Fazit

Design, Gameplay und Story genügen hier höchsten Ansprüchen.

Die Steuerung will etwas geübt sein, aber nach einer halben Stunden gelingt auch die Bewegung aus und in die Deckung ohne grössere Umstände.

Viel mehr gibt es eigentlich nicht zu sagen als: Kaufen, spielen, Freude haben!

Wir bedanken uns bei Square Enix für die freundliche Bereitstellung einer Vollversion zu Testzwecken. Getestet haben wir die Ausgabe für PlayStation 3.


judgementbox
Deus Ex: Human Revolution
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Positiv

Exzellentes Leveldesign und Artwork, klassische Elemente wie Inventar aus Original erhalten geblieben und mit zeitgemässem Interface ergänzt, tolle Story mit vielen Wendungen und ordentlich Freiraum, viele spannende Nebenmissionen mit greifbaren Charakteren, glaubwürdiges Setting, smoothe Grafik und butterweiche Framerate

Negativ

Steuerung muss eine Weile trainiert werden, Ladezeiten etwas an der Schmerzgrenze, K.I. setzt keine neuen Masstäbe, ansonsten nicht viel Nennenswertes

Alleine spielen: Sehr gut!
Mit Freunden auf dem Sofa spielen: Gibt's nicht.
Mit Freunden im Internet spielen: Gibt's nicht.
Du kannst DN, den Autor dieses Beitrags, über seine Kontakt-Seite erreichen.


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# vor 5 Jahren
Kleine Notiz am Rande: Will man alle Äste der Haupt- und Nebenmissionen erfüllen, sind locker 45 bis 50 Stunden Gameplay drin. Und das ohne wirkliche Gähner.

Dieser Kommentar wurde nach seiner Veröffentlichung vom Autor nochmals geändert.

DNDN
 
 


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