ENSLAVED: ODYSSEY TO THE WEST – GAME-POESIE
Testbericht | PS3 | Xbox 360

Enslaved: Odyssey To The West – Game-Poesie

vor 6 Jahren von DN, Aktualisiert: vor 5 Jahren

Als wir an der Gamescom im August das erste Mal auf eine Testrunde gehen durften mit Enslaved waren wir ziemlich begeistert und einigermassen überrascht. Wie spielt sich die postapokalyptische Odyssee der süssen Trip und ihrem bulligen Begleiter Monkey in der fertigen Fassung?

Duo Infernale

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«Enslaved» als Titel des Spiels ist im wörtlichen Sinn zu verstehen. Eure Spielfigur namens «Monkey» wird nämlich umittelbar zu Beginn der Geschichte von «Trip» (welch Name für eine Frau), der Quasi-Schwester von Nariko aus Heavenly Sword, mit einem Versklavungs-Kopf-Dings bestückt. Entfernt ihr euch zu weit weg, oder stirbt eure Begleiterin, seid ihr ebenfalls dem Tode geweiht.

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Im Verlauf des Spiels ist Zusammenarbeit dementsprechend wichtig, in manchen Szenen gar matchentscheidend. Einige Szenen lassen die Frage aufkommen, wieso es keinen optionalen Kooperativ-Modus gibt, welcher gerade via Online durchaus denkbar gewesen wäre. Hinderlich für diese Idee ist sicherlich Trip, welche kaum kampftauglich ist und sich in der Person von Monkey einen Bodyguard samt Freund und Tröster in einem an die Ferse gefesselt hat.

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Das Duo macht auch abgesehen vom Gameplay eine gute Falle. Trip und Monkey stellen wohl mit Abstand die «echtesten» und fassbarsten Figuren in einem Videospiel dar, die es bis dato gegeben hat. Die Emotionen, Dialoge und Stimmungen der Hauptcharakteren kommen fein und tiefgehend rüber. Das harte Schicksal, welches sie gemeinsam erleiden, wirkt nie aufgesetzt und hält uns als Betrachter nah bei Stange.

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Dieses Bonuskostüm für Trip dürfte für den einen oder anderen zusätzlichen Fehltritt eurerseits sorgen.

Satter Sound und tolle Sprecher

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Unterstützt wird der Flow des Spiels, die Atmosphäre und die Glaubwürdigkeit der Geschichte vom sehr guten Voiceacting, und besonders vom brillanten Soundtrack aus der Feder von Nitin Sawhney. Der indisch-englische Komponist und Producer zeichnete sich bereits für die genial-bombastischen Melodien von Heavenly Sword verantwortlich, und setzt auch im neusten Titel von NT ein Ausrufezeichen.

Die Mitarbeit von Danny Boyle, dem Macher von «28 Days Later» und «Slumdog Millionaire» hat der Story ebenfals gut getan. Es gibt gar Momente, wo sein Einfluss ganz explizit sichtbar wird. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten, das Stichwort «missing» muss reichen.

Die feingliedrigen Animationen der Hauptcharakteren tragen ebenfalls viel zur Fassbarkeit des Spielgeschehens. Es ist ein grosses Vergnügen, den Bewegungen der Spielfiguren zuzuschauen und den ungleichen Compagnons auf ihrer Reise der Hoffnung gen Westen zu folgen. Der unterschiedliche Charakter der Hauptdarsteller wird durch ihre Proportionen, Gestik, Mimik und Eigenart in der Bewegung noch stärker zum Ausdruck gebracht. Und es wird offensichtlich, dass Andy Serkis aka. Gollum aka. Monkey eine Vorliebe für Schimpansen-Moves zu haben scheint. Oder Gorillas? Affenartig halt.

Hell of a ride

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Enslaved ist neben der fein säuberlich aufbereiteten Gemeinschaftsarbeits-Passagen mit Trip und später mit dem dritten im Bunde ein ziemlicher Höllenritt ohne grosse Pausen. Die Welten sind abwechslungsreich und bunt gestaltet, und neben dem Schuhwerk kommt auch Monkeys Fliegerscheibe im Stile eines Hoverboards aus Back To The Future ab und zu zum Einsatz.

Einige einfache Rätsel gibt es ebenfalls zu bestreiten, die Mischung macht gut Spass. Grossartig verirren kann man sich nicht, die Handlung und die Schauplätze verlaufen recht linear. Engere und offenere Szenerien wechseln sich ab.

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Ein gutes Beispiel für die Dynamik im Gameplay sind die hie und da auftretenden Kletterpassagen unter Zeitdruck. Gleich im ersten Kapitel, wo Monkey vom abstürzenden Sklavenkreuzer-Luftschiff zu fliehen versucht, gilt es einen Flügel zu erklimmen, bevor dieser aufgrund der Schräglage des Schiffes mit einem Wolkenkratzer kollidiert.

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Schöne neue Welt

Einmal gelandet, erstrecken sich digitale Welten, welche von atemberaubend schön und mitunter tödlich fallenreich, bis zu poetisch fein und abgefucked verwüstet reichen. Die Entwickler haben ganz offensichtlich viel Energie in das Entwerfen des Szenarios und der Levels gesteckt. Leuchtendes Grün von überwucherten Strassenzügen wechselt sich ab mit einem Meer von rot – und man ist bloss einmal um die Ecke spaziert.

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In Sachen Bewegung und Controls kommt man leider zum Schluss, dass die Leute von Ninja Theory keine Jump'n'Run-Experten sind. Öfters bleibt man an kleinen Vorsprüngen oder Bodenplatten hängen, oder kann bestimmte Objekte nicht erklimmen, wenn man nicht äusserst genau da steht wo das eigensinnige Stück Software es einem vorschreibt.

Dahingehend hat unser Testlauf an der Gamescom etwas getäuscht. Über das gesamte Spiel gesehen bewegt sich z.b. Cole McGrath aus inFamous in seiner (komplett offenen!) Welt oder der Prinz aus Persien doch wesentlich flüssiger. Ein direkter Vergleich zum ebenfalls gerade aktuellen Gabriel Belmont aka. Castlevania-Peitschenschwinger fällt klar zugunsten von Transilvanien aus. Schade dass NT es verpasst hat, die Wendigkeit von Nariko aus Heavenly Sword auf eine offenere Spielwelt zu übertragen.

Auch hinsichtlich des nachempfundenen New Yorks hat sich NT ein paar künstlerische Freiheiten genommen. So wurde die Grand Central Station mal kurz nach Brooklyn verlegt. Das dürfte den meisten Spielern natürlich nicht auffallen, bloss wäre es anhand einer Vision des von der Natur zurückeroberten NYCs zuträglich, detailgetreu vorzugehen.

Kampf bis auf die Metall-Knochen

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Wenn die Bionicles-Klone auf Euch eindreschen, werden die Stärken und Schwächen des Spiels gnadenlos offengelegt. Ab und an ruckelt es ein wenig, die Controls können schneckig-träge sein in manchen Momenten, und die Kameraführung ist nicht lupenrein. Wer von einem Dog mal in die Ecke gedrückt und zu Pulver verarbeitet worden ist, weil die Kamera nicht mehr wusste wo oben und wo unten ist, kann mir nachfühlen.

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Stark sind andererseits die abwechslungsreichen Mini-Boss- und Grossboss-Fights. Die scheppernden Metallmonster sind cool umgesetzt und versprühen einen eigenen, wenn auch tödlichen Charme.

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Monkey darf von Trip im Verlauf des Spiels neue Tricks, Fähigkeiten und Moves «kaufen» mittels der eingesammelten roten Tech-Orbs. Diese roten Kugeln steuern einiges zur Motivation bei, auch den hintersten und letzten Winkel der Levels zu erkunden, selbst bei massivem Feindaufkommen.

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Die normalen Gegner wiederholen sich leider häufig, was im Sinne der Story zwar durchaus passt, aber rein spielerisch halt doch ein bisschen hinkt. Die Kampfmoves vermögen aber durchaus zu gefallen mit einer guten Variation aus schnellen und schweren Attacken, sowie einer Fernwaffe mit verschiedener Munition für die Beseitigung von heranstürmenden oder ahnungslos rumstehenden Gegnern. Ab und zu darf auch ein Geschütz geentert oder ein Waffenarm von einem Robo wegstibietzt werden.

Fazit

Enslaved ist mancherlei Hinsicht eine Perle zwischen all den x-ten Sequels und Megasellern dieses Herbstes. Die Hochwertigkeit im Kunsthandwerk – in Sachen Musik, Artwork, Voiceacting, Charakteranimationen und Umgebungen – ist bei der Konkurrenz nur schwer zu finden.

Bloss: Einige Ecken und Kanten zuviel verderben in manchen Szenen etwas den Spass, und man fragt sich streckenweise, was sich die Entwickler beispielsweise bei den Controls gedacht haben. Man möchte in einem 3D-Adventure auch einfach so irgendwo draufspringen können, statt nur auf die wenigen dafür vorgesehenen Stellen. Auch simples Aufspringen ist Fehlanzeige, worunter die Dynamik im Kampf etwas leidet. Ein bisschen mehr Playtesting zur Ausmerzung der Hänger und etwas mehr Feinschliff in der Technik für eine durchgehend hohe Framerate hätten dem ambitiösen, poetischen und rundherum recht eigensinnigen Titel gut getan. Aber Enslaved hat trotz der schwachen Momente viel Herz und Charme, von uns gibts deshalb eine Kaufempfehlung mit einem scheuen «Ähem» und einer grossen Portion Nachsicht.

Wir bedanken uns bei Namco Bandai für die freundliche Bereitstellung einer Vollversion zu Testzwecken.

judgementbox
Enslaved - Odyssey To The West
Positiv

Genialer Soundtrack von Nitin Sawhney, bestes Voiceacting seit Uncharted 2, bildgewaltige und farbenfrohe Settings, teilweise atemberauende Dramaturgie, stimmige Atmosphäre, Spielfiguren mit viel Tiefe und Glaubwürdigkeit samt ausgeprägtem Charakter, angenehm spannende Rätsel, ernsthafte Story und Emotionen, schön animierte Spielwelt und -Charakteren

Negativ

Teilweise brüchige Framerate, Controls nicht über alle Zweifel erhaben, manchenorts unnötige Einschränkung der Bewegungsfreiheit was zu Frustration führen kann, Belegung der Steuerung nicht ideal

Alleine spielen: Sehr gut!
Mit Freunden auf dem Sofa spielen: Gibt's nicht.
Mit Freunden im Internet spielen: Gibt's nicht.
Du kannst DN, den Autor dieses Beitrags, über seine Kontakt-Seite erreichen.


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Enslaved - Odyssey To The West
Erhältlich für PlayStation 3, Xbox 360
Von Namco Bandai (Publisher), Ninja Theory (Developer)