HITMAN - ABSOLUTION
Testbericht | PS3 | PC | Xbox 360

Hitman - Absolution gold_medium

vor 4 Jahren von DN, Aktualisiert: vor 3 Jahren

Der neue Hitman ist brachial und blutig wie eh und je. Im brutalen Gewand versteckt sich dieses Mal aber auch allerhand Raffinesse, und diese macht die Absolution von Agent 47 – die Erlösung im spirituellen Sinn – zu einem feinen Attentäter-Reigen mit mehr spielerischer Kraft als Assassin's Creed 3. Und durch die realer anmutende Spielwelt übertrumpft der emotionsfreie Kahlschädel auch das sehr gute Dishonored. Kurzum: Hitman Absolution ist das beste Stealth-Game des Jahres.


Wieso tötet Agent 47 seine ehemalige Lebensretterin?

Vorweg sei gesagt: Die Story von Hitman Absolution ist nicht die grösste Stärke des Spiels. Mancher Bösewicht oder vereinzelte Nebenfiguren (wie z.B. der Muskelprotz mit den Spitzstiefeln – wer gespielt hat, weiss wen ich meine) wirken ein wenig überzeichnet und unfreiwillig parodiert.

Mal abgesehen davon hält einen die Geschichte aber durchaus bei Laune, und die Mischung aus Flucht und Jagd vermag zu gefallen. Insbesondere die Settings sind der absolute Knaller und laden immer wieder zum Finden von unterschiedlichen Lösungswegen ein. Aber dazu mehr später.

Der Storybogen beginnt mit dem Auftrag, die vormalige Lebensretterin von Agent 47 – Diana Penelope Burnwood – zur Strecke zu bringen. Die vermeintliche Verräterin verschanzt sich in einer stattlichen Villa an der Küste des Lake Michigan etwas ausserhalb von Chigaco.

Agent 47 schiebt wie immer sämtliche emotionalen Verwicklungen beiseite und nimmt sich der Sache an, obwohl Penelope zu seinen engsten Verbündeten gezählt hat in der Vergangenheit. Es stellt sich heraus, dass vieles wiedermal nicht so ist wie es (vorderhand) scheint. Eine weitere Person, eine junge Frau namens Victoria, spielt eine wichtige Rolle in der Affäre Burnwood, und so endet der Auftrag nicht im Debriefing-Room. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.

Wie präsentiert sich der neue Hitman?

Die hauseigene Grafikengine namens «Glacier 2» rockt so richtig. Fast ausnahmslos sämtliche Settings kommen fantastisch daher und der stimmige Soundtrack untermalt das Geschehen ideal. Auch die Sprecher überzeugen auf der ganzen Linie.

Die Detailversessenheit der Entwickler führt so weit, dass man beinahe die bekannten Ziffern 640509 040647 auf Agent 47's Hinterkopf erkennen kann. Abgesehen von den ausnahmslos gestochen scharfen Texturen gibt es weiche Lichteffekte und tolle Spiegelungen zu bestaunen. Die Tag- und Nachtzeiten der Missionen kommen atmosphärisch dicht rüber und machen Absolution zu einem der visuell ansprechendsten Titel des Jahres. Hier ein paar Kostproben:

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Ja, das Spiel schaut selbst auf der PlayStation 3 so gut aus.

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Eines der absoluten Highlights von Absolution sind die Menschenmengen. Der Pöbel wirkt in Hitman Absolution absolut glaubhaft. Zwar gibt es je nach Situation den einen oder anderen Charaktertypen zuwenig, sodass man auch mal dieselbe Person gleich zweimal nebeneinander erkennt. Aber das tut dem Eindruck keinen grundsätzlichen Abbruch. Das Untertauchen in Menschenmengen, das Verfolgen von Zielpersonen durch die engstehenden Passanten und selbst einfache Mechanismen wie das Abwenden des Gesichtes bei entgegenkommenden Wachleuten im Getümmel spielen sich hervorragend.

Die Fülle an Details zeigt sich auch anhand von kleinen Objekten wie beispielsweise einem herumliegenden Metalleimer, welchen man im Interesse der Heimlichtuerei tunlichst umgehen sollte. Das Scheppern beim Darüberstolpern sorgt für ungebetene Gäste. Sowas ist einfach fantastisch, und wird von io interactive nie als Klotz am Bein eingesetzt. Wenn man sich Mühe gibt und die Umgebung genau anschaut, wird man nicht bestraft.

Leichenverstecken leicht gemacht?

Wir spielen «Leichenverstecken». Ja, genau. Hitman Absolution könnte man im weitesten Sinn auch als Leichenversteck-Simulator bezeichnen. Es ist nämlich in keiner Mission ratsam, auch nur einen leblosen Körper in der Gegend rumliegen zu lassen. Alternativ darf an manchen Stellen auch gleich ein Geländer oder ein Schacht zum Erledigen von lebenden Hindernissen benutzt werden, das spart das nachträgliche Deponieren in Schränken oder in Mülltonnen.

Das führt auch mal zur einen oder anderen absurd anmutenden Situationen: Agent 47 schubst einen Wachmann in einen kniefiefen Teich im Innern des Villa-Geländes, wo dieser sofort ertrinkt. Ein kleiner Bug, und glücklicherweise einer der seltenen. Schade, solche Details nagen ein wenig am ansonsten überaus ernsthaften und soliden Stealth-Game. Quer durch das Spiel gab es von diesen unpässlichen Situationen glücklicherweise nicht allzu viele.

Die vielfältigen Möglichkeiten des Vorgehens gehören zu den absoluten Kernelementen der Hitman-Serie und Absolution ist diesbezüglich nicht anders. Man darf sich verkleiden, Gegner umgehen, mit Wurfgegenständen ablenken, mit Wurfgegenständen töten, Leichen verstecken, Wachen erwürgen oder bewusstlos machen, Wachen von hinten in Würgegriff nehmen und deren Waffe gegen andere einsetzen, Wachmänner über Geländer oder Fensterbretter schubsen, und einiges mehr.

Alle möglichen Gegenstände können als Waffe oder K.O.-Schläger eingesetzt werden. Da ist der Einsatz der schon fast traditionalistisch anmutenden Pistole mit Schalldämpfer schon fast einfallslos. Und nimmt man eine der Dutzenden weiteren Schusswaffen zu Hilfe, wirkt das dann schon fast wie Neanderthaler-Style. Das ist fast ein bisschen Schade, denn die Maschinenpistolen und anderen groben Kaliber mit Lärm sind dermassen gut implementiert, dass man meinen könnte man befinde sich in einem Shooter. Bloss ist Hitman Absolution natürlich keine Schiessbude. Es gibt aber auch ein paar seltene Sequenzen wo man die – falls vorhandende – digitale Schiesswut befriedigen kann.

Jedem Ort sein Mätzchen?

Allgemein sind die Schauplätze mehr oder weniger offen gestaltet und es lohnt sich oftmals einfach mal abzuwarten und zu beobachten, was sich tut. Meist verrät ein Wachmann oder ein Polizist am Funk oder in einem Gespräch wertvolle Informationen, welche man naturgemäss mithören darf.

Abgesehen vom Weiterkommen in den Missionen sind die «Tatorte» ganz einfach spielerisch genial und bieten eine Stealth-Atmosphäre, welche ich so noch nie gesehen habe. Das Team von io-interactive hat es geschafft, den richtigen Mix aus klassichen Elementen und dynamischen Abläufen in die Missions-Designs zu packen, ohne allzu stark in alte Muster zu verfallen. In dieser Hinsicht toppt der neue Hitman sogar das ebenfalls sehr starke Dishonored. Zwar gibt es die moralischen Entscheidungen (von wegen verschwinden lassen ohne töten) nicht, aber die Vielfalt und Glaubwürdigkeit der Spielwege sind in Hitman ungeschlagen.

Der Einstieg gestaltet sich etwas sturer als in anderen Stealth-Games, dafür kriegt man die volle Dröhnung Optionen im Verlauf des Spiels. Zwar sind einige Optionen aus vorherigen Hitman-Spielen weggefallen, wie z.B. das Auswählen von Ausrüstung und die Planung des Vorgehens in Form eines Briefing-Rooms mit Karten und dergleichen. Die Neuerungen empfand ich als stimmig und richtig.

Verkleidungen sind in Hitman wie für jeden «echten» Attentäter das A und O. Das Beschaffen von fremden Kleidern ist allerdings kein Freipass für Spaziergänge. Das eigene Verhalten muss jeweils der Situation und dem jeweiligen Outfit angepasst werden. So werden zum Beispiel die Angestellten eines Nachtclubs skeptisch, wenn man im ergaunerten Outfit des Personals allzu nahe an «Mitarbeitende» gerät. Man sollte sich also in sicherer Distanz zum Staff bewegen. Auch ein herumschleichender neuer Gehilfe des Privatkoches in einer stattlichen Villa wirkt auf die Wachen merkwürdig. Andererseits nehmen sie kaum von einem Kenntnis, wenn man ganz normal herumgeht in der Kochschürze. Solche Feinheiten gibt es in Hitman haufenweise und diese machen einen grossen Teil des Spielspasses aus. So brachial die Missionsziele sind, so subtil gestaltet sich der Weg bis da hin.

Sehr positiv fand ich auch das Wertungssystem. Wer einfach unbeteiligte Zivilisten oder Wachmänner umnietet, kriegt haufenweise Abzüge in der Score. Maximale Punktzahl gibt es nur für ein Ghost-ähnliches Vorgehen. Niemand hat was mitgekriegt, und die Zielperson ist in die ewigen Jagdgründe eingegangen. Wer Wachmänner umgeht, wird belohnt. Wer sie umnietet und die Leichen versteckt, erhält trotzdem Abzüge. Man erhält zwar weniger Abzüge, wenn man Wachmänner oder andere Personen betäubt statt sie zu töten, aber auch Betäuben gibt Abzüge. Ein sehr tolles Prinzip, was das chirurgisch präzise Vorgehen fördert und ein umfangreiches Wohlbefinden vermittelt, wenn man eine Mission ohne Nebengeräusche und ohne entdeckt zu werden durchzuspielen vermag.

Abzüge sind geltend zu machen bei der künstlichen Intelligenz der Wachmänner und anderen Figuren. Zwar sind die «Spielregeln» klar festgelegt, wonach man bei gelungenem Verstecken vor den suchenden Gegnern nach einer Weile frisch an's Werk gehen darf, aber dieser Kompromiss wirkt in der einen oder anderen Situation ein bisschen beholfen. Auch scheint es merkwürdig, dass eine bestimmte Art der Verkleidung für alle Gegner passé ist, sobald ein einziger Kontrahent diese durchschaut hat. Hier wäre etwas mehr Feinheit ratsam gewesen, dass z.B. nur die Gegner über die Tarnung im Bilde sind, welche auch wirklich vor Ort waren. Im Gegensatz zum Telepathie-Ansatz der Gesamtalarmierung.

Was kann Hitman Absolution im Multiplayer?

Der Contracts-Modus ist eine komplette Neuheit und dürfte etwas vom Innovativeren sein, was es in jüngster Zeit für das Online-Kräftemessen gegeben hat. Man könnte den Modus als eine Art umgekehrte Kriminalermittlung sehen. Der Mord ist bereits geschehen. Statt die Tat aufzuklären, ist die Aufgabe des Spielers die Tat genau gleich nachzuahmen.

Das Prinzip ist eigentlich ganz einfach: Man kann beim Durchspielen der Kampagne auf der jeweiligen beliebigen Karte gleichzeitig eine Online-Mission generieren. Dazu markiert man drei bestimmte Personen, es muss sich dabei (idealerweise) nicht um irgendwelche Hauptfiguren oder dergleichen handeln. Passanten, Polizisten, Wachmänner, Köche, egal wer und egal wo auf der Karte. Dazu wird das Vorgehen aufgezeichnet und diese Vorgabe dann online aufgeschaltet.

Um die Leaderboards zu erklimmen, muss man ausreichend derart gestaltete Missionen durchspielen und dabei möglichst gut abschneiden. So wird das Durchspiel der Singleplayer-Kampagne nochmals bereichert. Man fragt sich nicht nur, wie man was noch anders lösen könnte, sondern man darf die erweiterte Dimension hinzunehmen. Das ist durchaus brillant. Man schleicht durch einen Korridor, erblickt in einem Raum vor sich drei Schergen eines Gangsterbosses, welche sich unterhalten. Und nachdem man sie (fakultativ) ausgeschaltet hat, stellt man die Szene als Herausforderung in's Netz, auf dass andere Spieler versuchen dürfen, die Situation ähnlich brillant oder eben ähnlich plump zu lösen.

Fazit

Hitman Absolution ist eine Wucht. Wer allerdings ein sanftes Gemüt aufweist oder Bock auf Action-Humor-Mischungen hat, der sollte sich das Durchspiel gut überlegen. Hitman ist definitiv nichts für Minderjährige und Leute, die vor digitaler Gewalt und Pixelblut zurückschrecken.

Die Story reisst keine riesigen Bäume aus. Die Settings sind jedoch dermassen toll gemacht, dass ich selbst beim ersten Durchspiel manche Mission mehrmals ausprobiert habe. Und das will was heissen.

Ich hätte mir vielleicht gewünscht, dass der Roboter-artige Hitman in Gestalt von Agent 47 ein wenig aus seiner non-emotionalen Gefrierpackung entsteigt. Durch den Verlauf der Geschichte erfährt man andererseits das eine oder andere Detail mehr, wieso Agent 47 so ist wie er ist. Jason Bourne hätte wohl ähnlich enden können, wäre er nicht auf einer Mission angeschossen und damit ein Sinneswandel losgetreten worden.

Ich war positiv überrascht von dem Titel, der im Vorfeld ein bisschen zu sehr nach sexistischem Ballerei-Wolf im Stealth-Schafspelz gerochen hat. Doppelter Daumen hoch, grosses Kino!

Wir bedanken uns bei Square Enix für die freundliche Bereitstellung einer Vollversion zu Testzwecken. Getestet haben wir die Ausgabe für die PlayStation 3.


judgementbox
Hitman - Absolution
gold_medium
Positiv

Sehr hübsche Grafik, butterweiche Framerate, stimmiger Sound, tolle Sprecher (unbedingt im Originalton zocken wer kann), vielfältiges Gameplay, kreatives Script mit vielen Dutzend verschiedenen Vorgehensweisen, erdige Settings, viel Liebe für's Detail im Leveldesign, toll umgesetzte Menschenmengen, viel Replay-Value mit der Neugier auf alternative Lösungswege der einzelnen Missionen

Negativ

Story reisst keine riesigen Bäume aus - ist aber spannend genug um einen bei Stange zu halten, ziemlich blutig und erbarmungslos brutal, ein paar vereinzelte merkwürdige Bugs, künstliche Intelligenz (wie leider allzu oft in Stealth-Games) eher dürftig

Alleine spielen: Sehr gut!
Mit Freunden auf dem Sofa spielen: Gibt's nicht.
Mit Freunden im Internet spielen: Sehr gut!
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Von io interactive (Developer), Square Enix (Publisher)