SYNDICATE
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SYNDICATE

vor 5 Jahren von DN, Aktualisiert: vor 5 Jahren

Die Antwort auf die Frage im Anriss lautet: Nein. Es gib zwar durchaus ein paar positive Aspekte am neuen SYNDICATE: Zum einen, dass wieder einmal ein Shooter erschienen ist, der ohne den herkömmlichen Pseudo-Militär-Kram auskommt wie die üblichen Verdächtigen. Zum anderen die tolle KI. Andererseits halte ich wenig davon, geniale Games aus der Vergangenheit in eine Shooterform zu pressen und mit der Franchise weiter Geld scheffeln zu wollen. Warum kein echtes neues SYNDICATE in Form eines Echtzeit-Strategiespiels? Das wär mal was. Leider nichts gewesen. So bleibt mir nichts anderes übrig, als euch über Cyberpunk-Shooter-Wurst aus der Pressform zu berichten.


I am a weapon, command me

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Wir schreiben das Jahr 2069. Mächtige Konzerne haben sich die Welt unterworfen und untereinander aufgeteilt. Die Bevölkerung ist in zwei Klassen gesplittert. Die einen verfügen über Hirnimplantate und sind so quasi «online» aka. «am Leben», die anderen sind ausgeschlossen davon und entsprechend für nichts zu gebrauchen. Wer hat nochmal Facebook kritisiert? In der Welt von SYNDICATE wäre ein Mensch ohne Account entweder nie geboren oder verschollen. Einfach so registrieren und loslegen war einmal, die Erdlinge der Zukunft müssen sich mit Chips im Hirn aufpimpen um am grossen Zirkus des erfolgreichen Lebens teilzuhaben. Wer nicht verkabelt ist, ist quasi tot.

Klingt irgendwie gespenstisch? Ist es auch. Das Setting von SYNDICATE, ursprünglich ein geniales Echtzeitstrategie-Spiel von Bullfrog (dazumals noch mit Peter Molyneux), war 1993 ein absoluter Knaller und ist es heute noch. Das Original-Spiel ist inzwischen vielerorts gratis erhältlich und lässt sich nach wie vor hervorragend zocken. Für PC gibt es eine Version hier, die Mac-Version geistert ebenfalls im Netz rum.

Wie es damals möglich war, mit ultraminimalistischem Soundtrack, reduzierter Pixelgrafik, 256 Farben, ein paar brillanten Renderfilmchen und dem brachialen Gameplay eine derart Blade-Runner-mässig greifbare imaginäre Welt aus dem Hut zu zaubern, wird wohl für immer und ewig ein Geheimnis von Molyneux bleiben. Die Erweiterung und der Nachfolger waren ähnlich gut, aber nachher wurde es still um die Franchise. Ein herber Verlust für die Gamer dieser Welt.

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Nun, zurück zur Ausgabe 2012. Die düstere Hochglanz-Welt, in der sich die Dystopie von SYNDICATE präsentiert, ist wunderschön umgesetzt und verspricht auf Anhieb einiges an Cyberpunk-Vergnügen. Du bist Agent Kilo (merkwürdiger Name, von Kilobyte kann er jedenfalls nicht kommen), und räumst für deinen Mutterkonzern EuroCorp überall da auf, wo ein Konkurrenz-Syndikat oder ein bestimmter Wissenschaftler für Stunk bzw. für Aufsehen sorgt. Fremde Daten klauen, feindliche Agenten umnieten, Zeugs manipulieren — Agentenalltag halt.

Leider vermag die Geschichte nicht zu packen. Man prallt an den Charakteren und der Handlung ab wie am hochpolierten Panzerglas der strahlenden Hochhäuser im Spiel. Mir ging es jedenfalls so. Der Story-Bogen ist weder besonders spannend noch wenigstens streckenweise fesselnd. Die Ausgangslage wäre hingegen absolut vielversprechend. In einer Welt voller physischer und psychischer Gewalt, rivalisierenden Grosskonzernen und überstilisiertem Future-Look wäre eine interessante Geschichte durchaus dringelegen. So bleibt einem für dieses Mal nur das Gefecht der Zukunft, und dahin geht auch gleich der nächste Abschnitt.

Volle Dröhnung mit Knarren und Drohnen

SYNDICATE ist ein Shooter. Starbreeze und EA haben das ziemlich wörtlich genommen, denn man tut in dem Spiel nicht viel anderes als ballern und ein bisschen rumrennen. Okay. Man darf auch Gegner manipulieren via WLAN, WiFi oder Was-auch-immer-Funkverbindung, und sie so dazu bringen, sich gegenseitig umzunieten. Oder einfach durchzudrehen. Die Idee wäre an sich ganz nett, bloss ist nicht in jedem Moment jeder Gegner ansteuerbar, der mögliche Zeitpunkt für Manipulationen wirkt willkürlich. Statt mich ein Dutzend Mal zu ärgern, habe ich mit der Zeit immer öfter ganz einfach die Knarre gezückt und «abgedrückt». Mitten im Gefecht nach anderen Optionen zu forschen oder auf diese warten zu müssen macht einfach keinen Spass.

Leider wird man mit jeder neu erhaltenen Hirn-Chip-Hacker-Funktion in ein Tutorial gezwungen, wo man eben diese Funktion ausprobieren muss. Und dies auch noch in Testform, also sprich durch die Bewältigung eines entsprechenden Levels. Versagt man, muss man nochmal ran. Pfui. Wie wenn die Entwickler uns sagen wollten: «Hey, du unmündiger Gamer! Du musst jetzt diese neue Funktion benutzen. Koste es was es wolle. Du musst! Nein, kein Wenn und Aber. Benutzen oder Tod.» Da stellt sich für mich ein wenig die Frage, ob ich als Gamer Lust auf sowas habe. Nein, die Frage stellt sich eigentlich nicht. Die Antwort lautet «No Non Nope Nada Grazie Ciao».

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Einer der erfreulichsten Eigenschaften der Kämpfe in SYNDICATE sind ganz klar die Gegner. Die geben sich nämlich richtig Mühe, euch zu flankieren, sich wieder zurückzuziehen, in Deckung zu gehen oder euch sonstwie das Leben schwer zu machen. Das macht Laune! Respekt, selten waren Gegner in einem Shooter dermassen lebensecht. Also im Sinne ihre Verhaltens, welches sehr dynamisch rüberkommt.

Ein weitere nettes, wenn auch wenig innovatives Feature ist der DART-Mode. Eine Art Mix aus Wärmebild-Kamera und Bullet-Time. Okay, ganz nützlich, und besonders schön anzuschauen. Aber von der Funktion her nun wirklich nichts Neues. Manche Passagen sind sogar auf der Stufe «Leicht» jedoch kaum zu schaffen ohne den DART.

Manche Objekte in der Spielwelt lassen sich via Funk (oder WiFi oder wie auch immer) manipulieren, zusätzlich zu den Gegnern. Dazu gehören Drohnen, Geschütztürme oder auch Subfunktionen von Bossen. Irgendwie wirken diese Momente aber ebenfalls aufgesetzt, was leider dem ganzen Spiel etwas die Tiefe nimmt. Es wären weit mehr Spielereien mit der Manipulationsoption denkbar gewesen, die ordentlich Spass ins Gameplay bugsiert hätten. Es gibt eine Passage, wo man beispielsweise Fahrstühle so manipulieren muss, dass sie entweder den Weg öffnen oder eben versperren. Von der Sorte Levels hätte ich mir mehr gewünscht.

Die Funktion, durch Türen zu brechen, fand ich beispielsweise auch sehr cool. Das Tutorial machte auf Anhieb Spass. Aber später im Spiel kommen diese Momente dann kaum mehr vor, was einen etwas ratlos zurücklässt. Fast scheint es, als hätte Starbreeze einen ganzen Haufen tolle Ideen gehabt, aber diese kaum oder nur halbbatzig in das fertige Spiel übertragen können. Auch wäre etwas mehr Zerstörbarkeit wünschenswert gewesen, die hochgestylten Architekturfrisuren des Spiels schreien geradezu danach, zerzaust zu werden. Meist darf man daran leider nicht wirklich rütteln.

Schön neue unheile Welt

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Das Design und die Präsentation von SYNDICATE spielen ohne Diskussion in der obersten Grafik-Liga mit. Die eigens gebaute Engine brilliert mit schönen Lichteffekten, Spiegelungen, grosser Sichtweite, feinen Dunsteffekten und überblendeten Helligkeiten und allerhand weiteren Leckerbissen. Dies wäre allerdings nur halb so toll, wäre das ganze Industriedesign und die Innenarchitektur der Welt nicht genauso toll. Man hat wirklich das Gefühl, durch die Welt im Jahr 2069 zu hetzen. Keine Frage. Hier hat Starbreeze alles richtig gemacht, so richtig zu Tode designed wirkt die Umgebung. Hier gibt's nichts zu meckern.

Ein feines Detail fand ich, dass man den eigenen Körper sieht, wenn man runterschaut. Dies sollten sich alle Shooter hinter die Ohren schreiben. Fertig mit den schwebenden Kanonensammlungen mancher Teeny-Shooter.

Fazit

SYNDICATE ist ein Spiel mit tollem Hintergrund und einfallslosem Gameplay. Für einen guten Shooter hat SYNDICATE die richtigen Zutaten, aber einfach von ein paar entscheidenden Dingen ein bisschen zuwenig und von anderen zuviel. Die Sauce ist wenig abgerundet, könnte man sagen. Die Optik stimmt, die KI ist aussergewöhnlich gut, die Waffen fühlen sich schwer und schlagkräftig an. Andererseits ist die Story Humbug, das Gameplay und die Gegner repetitiv und dem gesamten Gerüst fehlt irgendwie der Schwung.

Es bleibt ein schales Gefühl, wie ich das bereits vor einiger Zeit befürchtet habe. Die Skepsis hat sich leider bestätigt. Hundertmal lieber hätte ich eine Neuauflage als isometrisches Real Time Strategy-Game im Sinne des Originals gesehen. Schade.

Wer Online-Shooter spielen möchte, der ist bei Battlefield 3 oder — für die weniger Anspruchslosen unter uns — Modern Warfare 3 besser aufgehoben. Wer ein stichhaltiges und aufregendes Cyberpunk-Abenteuer sucht, der spiele DEUS EX - Human Revolution.

Wir bedanken uns bei Electronic Arts für die freundliche Bereitstellung einer Vollversion zu Testzwecken. Getestet haben wir die Ausgabe für PlayStation 3.


judgementbox
SYNDICATE
Positiv

Sehr dynamisches Gegnerverhalten und KI, tolle Optik, hochwertige Aufmachung und Soundkulisse, geniales Design der Welten und der ganzen Future-Panoramen

Negativ

Wenig Salz in der Suppe, repetitive Gegner, etwas wenig «Soul», geniale Franchise wurde zu Shooter vergewaltigt, reicht in keinster Weise an das einzigartige Feeling des Originals heran, Interaktion mit Umgebung wenig stichhaltig, hanebüchene Story, unnötige und übertriebene an Absurdität grenzende Gewaltdarstellungen

Alleine spielen: Nur für Fans.
Mit Freunden auf dem Sofa spielen: Gibt's nicht.
Mit Freunden im Internet spielen: Nur für Fans.
Du kannst DN, den Autor dieses Beitrags, über seine Kontakt-Seite erreichen.


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